http://www.astrologix.de%2Fartikel%2Fgeschichte%2Fhartmann02.html Dies ist der Cache von Google von http://astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann01.html. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Seite, wie diese am 12. Jan. 2015 00:17:23 GMT angezeigt wurde. Die aktuelle Seite sieht mittlerweile eventuell anders aus. Weitere Informationen Tipp: Um Ihren Suchbegriff schnell auf dieser Seite zu finden, drücken Sie Strg+F bzw. ?-F (Mac) und verwenden Sie die Suchleiste. Vollständige Version astrologix.de Sie sind hier ==> astrologix : Artikel : Geschichte : Wilhelm Hartmann - Teil 1 Über den Autor: Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen". Autor: Edgar Wunder Wilhelm Hartmann (1893-1965): Astrologe und Berufsastronom Teil 1 von 6 [=> 1, 2, 3, 4, 5, 6] Zur Einführung Astronomen wollen üblicherweise mit Astrologen nichts zu tun haben, sie hegen für sie nur Geringschätzung. Umgekehrt sehen die meisten Astrologen die Astronomie als nicht sonderlich relevant für ihre Horoskopdeutungen an. Astronomen und Astrologen bilden zwei völlig getrennte soziale Welten, kein Weg führt von der einen in die andere. Jedenfalls fast keiner. Es gibt meines Wissens im gesamten 20. Jahrhundert in Deutschland nur einen einzigen Fall, in dem ein Berufsastronom zum Astrologen wurde (Hans-Hermann Kritzinger) und nur einen einzigen Fall, in dem ein bekannter Astrologe sich zum Berufsastronomen entwickelte (Wilhelm Hartmann). Hartmann und Kritzinger sind vor diesem Hintergrund historisch sehr interessante Persönlichkeiten. Kritzinger, auf den hier nur zum Vergleich kurz eingegangen werden soll, hatte zu Beginn des Jahrhunderts in Berlin bei dem berühmten Astronomen Wilhelm Foerster studiert, auf dessen Initiative z.B. die Einheiten "Meter" und "Kilogramm" in Deutschland eingeführt wurden. Er schloss sein Astronomiestudium 1912 mit einer Promotion über den Großen Roten Fleck auf dem Planeten Jupiter ab und trat dann vor allem durch die erstmalige Formierung einer organisierten amateurastronomen Bewegung hervor: 1920 gründete er die "Internationale Gesellschaft der Liebhaber-Astronomen" (INGEDELIA, später nur noch GEDELIA, nachdem der internationale Anspruch aufgegeben wurde), die erste große überregionale Vereinigung von Amateurastronomen in Deutschland, die allerdings nur wenige Jahre Bestand hatte. Er beschäftigte sich dann als Fachastronom vor allem mit Ephemeriden für transplutonische Planeten, die er aufgrund von Kometen-Familien ermitteln zu können glaubte, war dann aber nur noch als Ingenieur tätig und neigte schließlich immer mehr mystischen Vorstellungen zu, bis er sich schließlich offen zur Astrologie bekannte und auch als Astrologe praktizierte. In dieser Tradition ist übrigens noch heute sein Sohn als bekannter "Reinkarnationstherapeut" tätig. Während Kritzingers Zuwendung zur Astrologie ihn letztlich aus der Astronomie herausgeführte und er schließlich nicht mehr als Berufsastronom tätig sein konnte, durchlebte sein Zeitgenosse Wilhelm Hartmann, um den es in dieser Biographie gehen soll, genau die gegenteilige Entwicklung. Hartmann war zunächst Astrologe, er studierte dann erst Astronomie und wurde schließlich Leiter des Planetariums und der Sternwarte in Nürnberg, was er 30 Jahre lang – bis zu seiner Pensionierung – blieb. Dabei gab er die Astrologie keineswegs auf, er vertrat und praktizierte sie weiter, wenn auch meist mit einer gewissen öffentlichen Zurückhaltung, um nicht in all zu viele unangenehme Kontroversen verwickelt zu werden. Zwei Lebensthemen standen im Zentrum des Wirkens von Wilhelm Hartmann: einerseits die Astrologie, andererseits die Entwicklung der Nürnberger Sternwarte, mit deren Schicksal Hartmanns Biographie auf das Engste verknüpft ist. Das prädestiniert mich in zweifacher Weise als Biograph: Einerseits war ich von 1988 bis 1994 selbst Vorstandsmitglied des heute die Nürnberger Sternwarte betreibenden astronomischen Vereins, andererseits beschäftige ich mich als Soziologe schon seit Jahren intensiv mit dem Wiederaufstieg der Astrologie im 20. Jahrhundert und ihren heutigen Erscheinungsformen als einem zeitgeschichtlich interessanten Phänomen. Beide Aspekte werden in die nachfolgende Biographie durch verschiedene, den historischen Kontext erläuternde Exkurse mit einfließen. Besonders faszinierend an der Biographie Wilhelm Hartmanns ist, dass ihn seine beiden Lebensthemen "Astrologie" und "Nürnberger Sternwarte" zu einer nicht unproblematischen Verhältnisbestimmung zum Nationalsozialismus zwangen, denn beide Themen wurden in der NS-Zeit zu einem Spielball ideologischer Interessen, in die sich Hartmann verstricken ließ. So gerät Hartmanns Biographie nicht zuletzt auch zu einem aufschlussreichen Musterbeispiel für die historische Verquickung des Nationalsozialismus mit zeitgenössischen Formen des Okkultismus. Die vorliegende Biographie Hartmanns entstand im Rahmen von noch nicht ganz abgeschlossenen Arbeiten zu einem Buch, das die Geschichte der Nürnberger Sternwarte von ihrer Entstehung bis in unsere heutige Zeit hinein darstellt. Sie ist zu weiten Teilen aus Auszügen aus diesem noch unveröffentlichten Buch zusammengesetzt, die für die Person Wilhelm Hartmanns relevant sind. Auf Quellenangaben wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit hier weitgehend verzichtet, entsprechende umfassende Quellenbelege werden aber in der genannten Buchveröffentlichung enthalten sein. ==> Weiter zu Teil 2, 3, 4, 5, 6 <== Seitenanfang Copyright © 2002 Edgar Wunder / astrologix - by TJK / Letztes Update am Dies ist der Cache von Google von http://www.astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann02.html. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Seite, wie diese am 27. Jan. 2015 06:12:24 GMT angezeigt wurde. Die aktuelle Seite sieht mittlerweile eventuell anders aus. Weitere Informationen Tipp: Um Ihren Suchbegriff schnell auf dieser Seite zu finden, drücken Sie Strg+F bzw. ?-F (Mac) und verwenden Sie die Suchleiste. Vollständige Version astrologix.de Sie sind hier ==> astrologix : Artikel : Geschichte : Wilhelm Hartmann - Teil 2 Über den Autor: Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen". Autor: Edgar Wunder Wilhelm Hartmann (1893-1965): Astrologe und Berufsastronom Teil 2 von 6 [=> 1, 3, 4, 5, 6] Hartmanns Weg zur Astrologie Wilhelm Hartmann wurde 1893 in Hamburg geboren. Er schlug nach Abschluss der Realschule zunächst eine Laufbahn als technischer Beamter ein. Um 1910 herum kam er erstmals mit dem Hamburger Astrologen Albert Kiepf in Kontakt, was ihn nachhaltig beeindruckt und zu intensiver Beschäftigung mit der Astrologie angeregt haben muss. Der damalige Status der Astrologie war ein ganz anderer als heute. Sie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kontinentaleuropa völlig von der Bildfläche verschwunden und hatte nur in einigen englischen "Exzentriker"-Kreisen gerade noch überlebt. Als sich dann in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die religiöse Strömung der Theosophie (eine Vorläuferin der Anthroposophie) entwickelte und sich über spiritistische und okkulte Zirkel verbreitete, erlebte die Astrologie zunächst nur innerhalb dieser theosophischen Kreise und in England eine "Wiedergeburt". Um 1900 herum kam sie im Gefolge der Theosophie vereinzelt auch nach Deutschland, wobei in Hamburg nur zwei Personen von Bedeutung waren: einerseits Karl Brandler-Pracht, der missionsartig durch ganz Deutschland zog, um die "frohe Botschaft" der Astrologie zu verkünden, u.a. auch in Hamburg, andererseits der erwähnte Albert Kiepf, der die Astrologie auf eine physikalische Grundlage stellen wollte, indem er behauptete, die menschliche "Aura" sei für "kosmische Od-Strahlen" empfänglich, was die angeblichen Gestirnseinflüsse erkläre. Dieses Konzept seines Vorbilds Kiepf hat Hartmann nachhaltig in seinem gesamten späteren Denken über die Astrologie beeinflusst. Zu bedenken ist dabei, dass es vor dem ersten Weltkrieg keine identifizierbare deutsche Astrologie-Bewegung gegeben hat, nur einige ganz wenige und isolierte Einzelkämpfer. Außerhalb der theosophischen und okkulten Zirkel wusste kaum ein Deutscher davon, dass es so etwas wie die Astrologie aktuell überhaupt noch gibt. In den Zeitungen erschienen auch keine Artikel über Astrologie (Zeitungshoroskope wurden erst knapp 20 Jahre später erfunden), und es darf bezweifelt werden, ob auch nur einer unter fünfzigtausend Deutschen "sein" Tierkreiszeichen gekannt hätte. Nur ganz wenige Menschen wussten davon etwas und auch der astrologische Markt war vor 1914 extrem klein. Wer sich – wie Hartmann – vor dem ersten Weltkrieg bereits mit Astrologie beschäftigte, gehörte zu einer ganz kleinen "Elite" – wirkliche Pioniere der erst später einen großen Aufschwung erlebenden Astrologie – die sich auch so fühlte: als Vorkämpferin für eine ganz neue Zeit und "Wissenschaft". Begegnung mit der "Hamburger Schule" Über Kiepf kam Hartmann 1914 zum ersten Mal mit Alfred Witte zusammen, einem anderen Hamburger Astrologen, den folgender Gedankengang plagte: Der Astronomie war es 1846 aufgrund von Bahnstörungen des Uranus gelungen, die Position des bis dahin unbekannten Planeten Neptun zu berechnen, was allgemein als beeindruckender Beweis ihrer Leistungsfähigkeit galt. Müsste es da nicht auch möglich sein, aus Abweichungen astrologischer Voraussagen von der Realität auf die Position eines störenden "Transneptun" zu schließen, indem ein hypothetischer weiterer Planet im Horoskop eingeführt werde, bis die Prognosen wieder stimmten? Gelänge es den Astronomen dann auch noch, den auf die Weise astrologisch ermittelten Planeten tatsächlich an der vorhergesagten Position zu entdecken, wäre dies ein schlagender Beweis für die Astrologie, den niemand mehr ignorieren könne. Hartmann war fasziniert von diesem Gedanken Wittes und drängte ihn zu einer Veröffentlichung. Doch kurz darauf brach der erste Weltkrieg aus, Witte und Hartmann wurden beide als Frontkämpfer eingezogen, Hartmann wurde gegen Kriegsende sogar Offizier. Als sich beide 1918 wieder trafen, war Witte im Schützengraben an der russischen Front nicht untätig geblieben. Er hatte versucht, russische Granateneinschläge astrologisch vorauszuberechnen, was natürlich nicht gelang, weshalb er einen hypothetischen Planeten "Cupido" zur Korrektur eingeführt hatte. Doch die darauf aufbauenden Voraussagen wollten immer noch nicht so recht stimmen, weshalb weitere Planeten von Witte eingeführt wurden: Hades, Zeus und Kronos. Dies wurde nun begeistert von seinem Freund Friedrich Sieggrün aufgegriffen, der zusammen mit Witte eine entsprechende Astrologenschule unter der Bezeichnung "Hamburger Schule" eröffnete und in den Folgejahren mit gleicher Methode nochmals weitere Planeten namens Apollon, Admetos, Vulkanos und Poseidon "entdeckte". Hartmanns Weg zur Astronomie Hartmann wusste jetzt nicht mehr so recht, was er von Wittes Ideen halte sollte. Ihn störte zunehmend, dass Witte keine systematische Darlegung präsentieren konnte oder wollte, wie er zu seinen Ephemeriden für die "Transneptuner" (denn all diese Planeten sollten sich auf perfekten Kreisbahnen jenseits des Neptun bewegen) gekommen war. Witte argumentierte immer nur mit Einzelfällen und Beispielen, nie systematisch. Immer mehr beschäftigte sich Hartmann nun mit der Frage, wie man diese eventuellen Planeten nachweise könne und arbeitete sich dazu immer tiefer in die Astronomie ein, bis er sich schließlich 1923 – im Alter von 30 Jahren – sogar entschloss, ein Astronomie-Studium an der Universität Hamburg aufzunehmen, um an der Universitäts-Sternwarte Hamburg-Bergedorf selbst nach den behaupteten Planeten forschen zu können. 1919 hatte er zunächst sein Abitur nachgeholt und war dann von 1920 bis 1922 als technischer Leiter in einer pharmazeutischen Fabrik (und nebenher als Astrologe) tätig, einen Job, den er dann aufgab, um sich ganz dem Astronomie-Studium widmen zu können. Astrologengezänk um die "Hamburger Schule" Zwischenzeitlich begann die deutsche Astrologen-Szene immer weiter zu wachsen und sich zu organisieren. Im September 1922 fand in München der erste deutsche Astrologen-Kongress statt (der auch europaweit die erste derartige Veranstaltung war). Doch mit München hatte man den falschen Tagungsort gewählt, denn in Bayern gingen "die Uhren noch anders": die Polizei schlich sich inkognito in die Versammlung ein, führte anschließend Hausdurchsuchungen bei allen Astrologen der Münchner Region durch und beschlagnahmte das Protokoll der Versammlung – alles unter Berufung auf den in Bayern damals noch gültigen "Gaukelei-Paragraphen", der das berufsmäßige Wahrsagen unter Strafe stellte. So kam es erst im Jahr darauf, auf dem 2. Astrologen-Kongress 1923 in Leipzig, an dem bereits 60 Astrologen teilnahmen, zu einem heftigen Streit über die vermeintlichen neuen Planeten von Witte und Sieggrün, die sich nun als epochale Reformatoren und Begründer einer "neuen Astrologie" gebärdeten. Tumultartige Szenen spielten sich ab und gegenseitige Beschimpfungen wie "Marmeladen- und Senf-Astrologe" machten die Runde. Willkür und Phantasterei seien Wittes anmaßende Hirngespinste, so der Berliner Astrologe Wilhelm Becker, während sich Sieggrün damit brüstete, über Wilhelm Hartmann sogar Kontakte zur Hamburger Sternwarte zu haben. Die im Gefolge auch schriftlich ausgetragenen heftigen Auseinandersetzungen füllten in den Jahren 1923-26 mehrere Hefte der Zeitschrift "Astrologische Blätter". In Leipzig wurde versprochen, endlich eine systematische Darlegung der Methodik der "Hamburger Schule" zu veröffentlichen. Sie erschien 1925 als 64-seitiges Büchlein im Theosophischen Verlagshaus Leipzig mit Wilhelm Hartmann als Herausgeber. Dies zeigt, wie sehr Hartmann hier involviert war, zumal es sich bei dem mit "Die Hamburger Astrologen-Schule" überschriebenen Kompendium um die erste umfassende Darstellung der Witte-Astrologie überhaupt handelte. Im ersten Teil des Bandes gibt Hartmann eine ausführliche "Einführung in die astrologische Arbeitsmethode der Hamburger Schule", die eindrücklich dokumentiert, wie sehr ihm Astrologie unzweifelhaft schien, er sich mit der "Hamburger Schule" identifizierte und ihre Methoden von ihm selbst tagtäglich praktiziert wurden. Auf die "Transneptuner" kommt er hier allerdings nicht zu sprechen, diese werden erst von Friedrich Sieggrün im zweiten Teil des Bandes behandelt. Parallel dazu stellte Hartmann im Rahmen seines Astronomie-Studiums eine sehr umfassende Literaturübersicht zusammen, welche Veröffentlichungen es bisher in der astronomischen Literatur zu eventuellen Planeten jenseits der Neptunbahn gab. (Der Aufsatz erschien 1926-27 in mehreren Teilen in den "Astrologischen Blättern", Hartmann ließ sich 1927 im Rahmen seiner Abschlussprüfungen an der Universität auch über das Thema "Transneptunische Planeten" als sein Spezialgebiet prüfen.) Dabei entdeckte er, dass – unten den zahlreichen Spekulationen zu transneptunischen Planeten, die damals auch unter Astronomen üblich waren – der deutsche Astronom Grigull bereits 1905 aus rein astronomischen Überlegungen heraus einen transneptunischen Planeten namens "Hades" auf einer Bahn postuliert hatte, die verdächtig genau mit den Angaben für den später von Witte behaupteten "Hades" übereinstimmte. Die Vermutung eines Plagiats durch Witte lag nahe. Bruch mit der "Hamburger Schule" Der eher zurückhaltende Hartmann scheute sich aber, eine so massive Unterstellung gegenüber Witte selbst vorzutragen. Er schickte einen anderen eng befreundeten Hamburger Astrologen vor, Wilhelm Wulff, der später – Anfang der 40er Jahre – zum Leib-Astrologen des SS-Reichsführers Heinrich Himmler aufsteigen sollte. Wulff trug 1926 auf dem 5. Astrologen-Kongress in Hamburg die wesentlichen Ergebnisse von Hartmanns Literaturrecherchen vor, was naturgemäß in einem Eklat endete. Witte stritt alles ab. Der Distanzierungsprozess Hartmanns von der Hamburger Astrologenschule ging weiter, als er Wittes Planeten mit den leistungsstarken Fernrohren der Bergedorfer Sternwarte einfach nicht an den angegebenen Positionen finden konnte. Mit Billigung Hartmanns veröffentlichte Wulff in den "Astrologischen Blättern" schließlich noch eine Erklärung, in der es im Kern hieß: "Was und wer nennt sich nun eigentlich "die Hamburger Schule". "Die Hamburger Schule" ist lediglich eine von Herrn Sieggrün eingeführte Bezeichnung für die von ihm abgehaltenen astrologischen Unterrichtskurse, in denen nach Wittes Methoden gearbeitet wird, also kein Verein und keine größere astrologische Gemeinschaft. ... [Es hat sich aber] die Gepflogenheit eingeschlichen, nun alles, was aus Hamburg kommt, mit der "Hamburger Schule" in einen Topf zu werfen. Hingegen muss endlich einmal protestiert werden. ... Im Namen der übrigen bekannteren Astrologen hier in Hamburg (Herrn H. Frank, W. Hartmann, F. Langer) habe ich dann noch zu erklären, dass wir zwar die astrologischen Methoden des Herrn Witte kennen und zum Teil auch anwenden, durchaus aber nicht mit allem einverstanden sind, was Witte lehrt und schreibt." Damit war der Bruch zwischen Hartmann und der Gruppe um Witte / Sieggrün da. Keineswegs hatte Hartmann den Glauben an Astrologie aufgegeben, aber er hatte gelernt, dass manches, was verschiedene Astrologen so behaupten, doch recht kritisch zu sehen war. Der biografische Anlass, der ihn überhaupt zur Astronomie geführt hatte, nämlich die Witte-Astrologie mit ihren "Transneptunern", war damit für ihn abgeschlossen. 1928 promovierte Hartmann an der Sternwarte in Hamburg-Bergedorf mit einer Arbeit des Titels "Beitrag zur Geschichte und Theorie der astronomischen Instrumente mit rotierendem Planspiegel und fester Reflexeinrichtung", unter Rückgriff auf seine Erfahrungen als Techniker. Berufung nach Nürnberg Als Hartmann dann 1929 die Leitung des Nürnberger Planetariums übernahm, war er 36 Jahre alt. Seine astrologischen Neigungen verließen ihn auch hier nicht: Schon 1930 fand im Planetarium eine Astrologen-Tagung statt, zu der er eingeladen hatte. Doch dann war er mit Aufbau und Einrichtung der zusätzlich zum Planetarium zu errichtenden Nürnberger Sternwarte so beschäftigt, dass er zu nichts anderem mehr kam, genauso 1933-1935 in der Repressionsphase durch die Nationalsozialisten, während des zweiten Weltkriegs und während der Wiederaufbauphase der Sternwarte in den 50er Jahren. Fast ständig wurde er getrieben von ihm auferlegten sehr arbeitsintensiven Aufgaben oder einschneidenden Veränderungen der Umweltbedingungen. Nur in der zweiten Hälfte der 30er Jahre und um 1950 herum – vor der Wiedereinrichtung der Sternwarte – konnte er sich etwas zurücklehnen und wandte sich in diesen beiden Zeitabschnitten dann auch tatsächlich wieder intensiv der Astrologie zu. Höhepunkt war die Veröffentlichung seines 1950 erschienenen Buchs "Die Lösung des uralten Rätsels um Mensch und Stern", in dem er eine "kosmische Impulstheorie" vortrug, wonach der Mensch im Augenblick der Geburt angeblich einem durch "planetare Impulse" bedingten heftigem Schock unterliege, der sich wie ein "kosmisches Engramm" in die Seele einpräge und im Horoskop erkennbar sei. Jene Prägung bleibe das ganze Leben lang bestehen und trete ständig in Resonanz mit aktuellen weiteren "kosmischen Impulsen". "Dass wir Menschen dauernd kosmische Impulse empfangen, die unser Handeln, Fühlen und Denken beeinflussen, ist für mich eine unerschütterliche Erkenntnis", erklärte Hartmann 1950 in diesem Buch. Das menschliche Leben und Geschehen sei, so Hartmann, nur verständlich aus einer Kombination der Einflüsse von Erbfaktoren ("Blut"), Umweltfaktoren ("Boden") und astrologisch verstandenen "kosmischen Rhythmen". Natürlich bemerkte Hartmann, dass er mit solchen Ansichten gerade in astronomischen Kreisen rasch aneckte und auf heftigen Widerstand stieß. Er hielt sich deshalb als Astronom mit öffentlichen Verlautbarungen zur Astrologie in der Regel zurück und verwendete statt der Bezeichnung "Astrologie" lieber den 1914 von dem Wiener Arzt Friedrich Feerhow in der Zeitschrift "Astrologische Rundschau" eingeführten Ersatzbegriff "Kosmobiologie", der eine naturwissenschaftlich fundierte Horoskopdeutung suggerieren sollte bzw. zum Ziel hatte. Die intensive Beschäftigung mit der Astrologie – und den festen Glauben an entsprechende Zusammenhänge – sollte Hartmann aber bis an das Ende seines Lebens überzeugt aufrecht erhalten. ==> Weiter zu 1, 2, Teil 3, 4, 5, 6 <== Seitenanfang Copyright © 2002 Edgar Wunder / astrologix - by TJK / Letztes Update am Dies ist der Cache von Google von http://www.astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann03.html. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Seite, wie diese am 6. Jan. 2015 03:56:10 GMT angezeigt wurde. Die aktuelle Seite sieht mittlerweile eventuell anders aus. Weitere Informationen Tipp: Um Ihren Suchbegriff schnell auf dieser Seite zu finden, drücken Sie Strg+F bzw. ?-F (Mac) und verwenden Sie die Suchleiste. Vollständige Version astrologix.de Sie sind hier ==> astrologix : Artikel : Geschichte : Wilhelm Hartmann - Teil 3 Über den Autor: Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen". Autor: Edgar Wunder Wilhelm Hartmann (1893-1965): Astrologe und Berufsastronom Teil 3 von 6 [=> 1, 2, 3, 4, 5, 6] NS-Gauleiter Julius Streicher hetzt gegen das Nürnberger Planetarium Man wird die weiteren für Hartmanns Leben bedeutungsvollen Entwicklungen kaum verstehen können, wenn man nicht die damaligen Auseinandersetzungen in der Nürnberger Lokalpolitik berücksichtigt. Im Jahr 1924 war erstmals die NSDAP mit dem späteren Gauleiter Julius Streicher als Fraktionsführer in den Nürnberger Stadtrat eingezogen. Dort und in seinem seit 1923 erscheinenden Hetzblatt "Der Stürmer" überzog Streicher mit seinem psychopathologischen Judenhass, der deutliche Züge einer Paranoia trug und der das zentrale Motiv seines ganzen politischen Handelns war, die regierende Nürnberger SPD, vor allem aber den von ihr gestützten Oberbürgermeister Luppe, mit den übelsten Verleumdungen und Schmutzkampagnen. Seit 1924 führten Luppe und Streicher regelmäßig Gerichtsprozesse gegeneinander, die Streicher zwar alle verlor, die ihm aber gleichzeitig ein weiteres Forum für seine Hetztiraden boten und öffentliche Aufmerksamkeit garantierten. Für Streicher war Luppe, der 1923 eine aktive Rolle bei der Niederschlagung des Hitler-Putsches gespielt hatte und der als überzeugter Demokrat alle Verfassungsfeinde in ihre Schranken zu weisen versuchte, der Repräsentant des "Weimarer Judensystems" schlechthin, den er sich als persönlichen Erzfeind auserkoren hatte und den er ständig einen "Juden" nannte, obwohl Luppe gar keine jüdischen Vorfahren hatte (also nach der Devise "Wer Jude ist, bestimme ich!"). Jedes Thema und alle Mittel waren dem sich als "Frankenführer" dünkenden Streicher recht, um gegen den Oberbürgermeister Stimmung zu machen. Dabei bot ihm auch der zu diesem Zeitpunkt schon deutschnational-antidemokratisch gestimmte "Fränkische Kurier" – damals die auflagenstärkste Tageszeitung Nürnbergs – ein Forum, der damit zu einem Wegbereiter des Nationalsozialismus wurde. Entscheidend ist nun, dass Streicher auch das 1926 errichtete Nürnberger Planetarium als regelmäßiges Thema für seine Hetze gegen Luppe auswählte, ja das auffällige Gebäude für Streicher geradezu symbolische Bedeutung für seinen Kampf gegen das "Judensystem" gewann. Während die einen im neuen Nürnberger Planetarium eines der schönsten Gebäude seiner Art sahen, war schon während der Bauphase 1926 in Streichers "Stürmer" zu lesen: "Am Ring ... wird inmitten der Anlagen geschaufelt, gehämmert und gemauert. Wer"s nicht weiß, könnte glauben, es handle sich um eine neue Synagoge oder gar eine Moschee." Die Kuppel des Planetariums erinnerte Streicher in seinem krankhaften Judenhass nämlich sofort an eine Synagoge, weshalb er entsprechend fanatisch gegen das Gebäude agierte. Dabei stellte er auch die Einrichtung eines Planetariums an sich als überflüssig und ungeheuerliche Geldverschwendung hin. In der Tat waren die hohen Kosten für das Planetarium von Anfang an umstritten, und daran knüpfte Streicher an. Er hatte die gesamte politische Rechte in Nürnberg auf seiner Seite, die das auffällige Planetariumsgebäude ebenfalls als Verschandelung des Stadtbildes, unnötige finanzielle Belastung und überhaupt ohne Nutzen empfand. So war das Planetarium von Anfang an und in zunehmendem Maße ein Politikum. Dies färbte schließlich auch auf das Ende der 20er Jahre erst noch in Planung befindliche Projekt der zusätzlichen Errichtung einer Volkssternwarte ab. Sowohl das Planetarium als auch die wenige Jahre später gebaute Sternwarte wurden von den Nationalsozialisten als gar als "politisch-astronomische Bastille" (der Ausdruck stammt vom späteren Nazi-Oberbürgermeister Willy Liebel) wahrgenommen, die es zu erstürmen bzw. niederzureißen galt. Hartmanns erstes Fettnäpfchen In diesem geistigen Klima wurde Wilhelm Hartmann 1929 als neuer Planetariumsleiter eingesetzt – ohne etwas von diesen politischen Abgründen zu ahnen, so dass er gleich an seinem ersten Nürnberger Arbeitstag in großes Fettnäpfchen trat. Denn bis dahin hatten die Freunde der Nürnberger Astronomie, die im Stadtrat die Mehrhheit besaßen, die Errichtung der geplanten Volkssternwarte als ein großes "Geheimprojekt" betrieben, um sich weitere unliebsame Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten und deren Umfeld zu ersparen. Die astronomiefeindliche Rechte sollte diesmal vor vollendete Tatsachen gestellt werden, denn die politische Mehrheit im Nürnberger Stadtrat war ohnehin gewiss und die Finanzierung durch den Nachlass eines soeben aufgelösten Nürnberger Industriellenverein sichergestellt. Als Wilhelm Hartmann – gerade eben erst aus Hamburg angereist – am 1. August 1929 seinen Dienst als neuer Planetariumsleiter antrat, ging er wie selbstverständlich davon aus, dass auch der durch die Stadtverwaltung damit verbundene Auftrag, auf dem Nürnberger Rechenberg die Errichtung einer Volkssternwarte zu koordinieren, in der Nürnberger Öffentlichkeit bereits ein wohl diskutiertes und bekanntes Projekt sei. Er ahnte nichts davon, dass die Planung der Volkssternwarte bis dahin als politisches "Geheimprojekt" vorangetrieben worden war, von dem außer einigen wenigen Eingeweihten niemand wusste. Noch bevor Hartmann im Rathaus entsprechend instruiert werden konnte, wurde er bereits von einem Reporter der Nürnberger Zeitung im Planetarium abgefangen und ausgefragt. Dieser staunte nicht schlecht, als ihm Hartmann arglos von einer unbekannten Sternwarte erzählte. Doch lassen wir den Journalisten selbst berichten, was geschah, nachdem Hartmann zunächst ausführlich über das Planetarium erzählt hatte (Nürnberger Zeitung vom 4.8.1929): "Aus irgendwelchen Überlegungen heraus stellte ich dann noch die Frage: ´Werden Sie auch Unterricht zu erteilen haben?´. ´Kaum´, lautet die Antwort, ´ich werde an der Volkshochschule lesen und die Leitung der Volkssternwarte übernehmen, die im Herbst gebaut wird´. Das Journalistenherz schlägt lauter, freudiger! Nur jetzt nicht merken lassen, dass der Mann Geheimnisse verrät! Und harmlos frage ich weiter: ´Wissen Sie zufällig, wo diese Sternwarte errichtet werden soll?´. - ´Ja, zehn Minuten von hier weg. Auf einem Berg. Wie er heißt, das weiß ich auch nicht. Da müssen Sie den Pfleger unseres Planetariums fragen´. ´Aber wer baut, wer zahlt diese Volkssternwarte?´ - ´Irgendeine Gesellschaft, die nicht mehr besteht, stiftete zu diesem Zweck ihr Vermögen. Mehr weiß ich auch nicht." Die "Enthüllung" war perfekt. Und die politische Rechte tobte, konnte das Projekt aber nicht mehr verhindern. So klagte beispielsweise der rechtsextreme "Fränkische Kurier": "Auf sozialistisches Betreiben hin musste in Nürnberg seinerzeit ein Planetarium gebaut werden ... Das Planetarium ist nur eine Belastung unserer Stadt. ... Trotz dieser Erfahrung trägt sich die Stadtverwaltung mit dem Gedanken, auf dem Rechenberg eine Sternwarte errichten zu wollen. Eine solche Sternwarte würde ebenfalls über kurz oder lang ein unbesuchtes Dasein führen und eine weitere Belastung des doch nicht sehr gefüllten Stadtsäckels bedeuten. Schon aus diesem Grund und weiter deshalb, dass die Gemeinden heute wichtigere Aufgaben zu lösen haben, dürfte dieser Plan wohl endgültig fallen gelassen werden." Doch dies war nur ein realitätsferner Wunsch der Gegner, die politischen Weichen waren längst für den Sternwartenbau gestellt. Das Observatorium konnte bereits am 28. Februar 1931 feierlich eröffnet und in Betrieb genommen werden. Von da an war Hartmann nicht mehr nur der Leiter des am Rande der Innenstadt gelegenen Planetariums, sondern auch der etwa 2 km vom Planetarium entfernten Sternwarte, die knapp außerhalb der Nürnberger Siedlungsgrenze (von 1930) auf einem Hügel, dem Rechenberg, errichtet wurde. Sie erlebte in den nächsten zwei Jahren bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten eine bemerkenswerte Boomphase, konnte technisch bestens ausgestattet werden und war ein beliebtes abendliches Ausflugsziel der Nürnberger Bevölkerung. Auf Initiative Hartmanns wurde 1931 auch ein "Verein der Freunde der Sternwarte" gegründet, dessen knapp 100 Mitglieder schließlich einen Großteil des öffentlichen Führungsbetriebs der Volkssternwarte übernahmen. NS-Kampagne gegen Planetarium und Sternwarte Doch vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte begann 1933 – mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten – für die Sternwarte und das Planetarium ein äußerst dunkles Kapitel. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und der darauf folgenden "Gleichschaltungspolitik" setzte sofort eine harte Repressionsphase gegen das wider den Willen der Nationalsozialisten errichtete Planetarium sowie auch gegen die Sternwarte ein. Zunächst wurden die politischen Förderer beider Einrichtungen planmäßig ausgeschaltet. Nach dem gewaltsam erzwungenem Rücktritt des gewählten Oberbürgermeisters Luppe wurde von der Nürnberger NSDAP, insbesondere Gauleiter Julius Streicher, Luppes Intimfeind seit 1924, alles unternommen, um die Zeichen des Wirkens des entmachteten Oberbürgermeisters in der Stadt systematisch "auszuradieren". In diesem Kontext muss auch das nun folgende fanatische Vorgehen der Nationalsozialisten gegen Planetarium und Sternwarte gesehen werden. Das unter Luppe erbaute, im Stadtbild auffällige Planetarium – von Streicher in seinem wahnhaften Judenhass schon seit 1926 wegen der für ihn "synagogenähnlichen" Kuppel bekämpft – war zum Symbol der Ära Luppe geworden und musste in den Augen Streichers deshalb "ausgemerzt" werden. In grenzenlosem Hass wurde zunächst erwogen, an der Außenseite der Planetariumskuppel eine große auffällige Inschrift folgenden Texts anzubringen: "Dieser geschmacklose Kobel wurde von dem System Luppe erbaut!". Hartmann berichtet in seinen Erinnerungen: "Die politische Propaganda gegen das Planetarium nahm groteske Formen an, so dass man glauben konnte, die Astronomie sei eine verbotene Wissenschaft und man würde jeden einsperren, der sich mit ihr befasse. Schlagartig hörte der Besuch des Planetariums und der Sternwarte auf." Um dem noch etwas nachzuhelfen kürzte Luppes Nachfolger Willy Liebel (der bis zu seinem Selbstmord am 20. April 1945 NS-Oberbürgermeister bleiben sollte) den gesamten Werbeetat des Planetariums kurzerhand auf Null, so dass dieses auch keine finanziellen Möglichkeiten mehr hatte, um auf seine Veranstaltungen öffentlich aufmerksam zu machen. Die von den Nationalsozialisten mittlerweile rundum kontrollierte Presse tat dies ohnehin nicht mehr. Das somit auch aus diesem Grund zwangsläufig "nachlassende Besucherinteresse" sollte dann wiederum als scheinheiliger Vorwand für die Schließung des Planetariums genommen werden. In dieser verzweifelten Situation Mitte 1933 versuchte Planetariumsleiter Hartmann zunächst durch vorsichtige Eingaben und Proteste zumindest das Schlimmste zu verhindern. Wie Hartmann in seinen Erinnerungen berichtet, ließ ihn der Bürgermeister daraufhin zu sich kommen und "warf ihm seine Eingaben auf den Tisch mit den Worten: "Nehmen Sie das wieder mit, es könnte Ihnen sehr schaden!". Nach dieser deutlichen Warnung unterließ Hartmann jeden weiteren Widerstand, um einer befürchteten Verhaftung zu entgehen. Da mit der Firma Zeiss ein nicht kündbarer Vertrag bestand, der besagte, dass die Stadt Nürnberg das Planetariumsgerät bis 1940 betreiben (und dabei 10 % der Einnahmen an Zeiss abführen) musste, wollte NS-Oberbürgermeister Liebel das Planetariumsgerät einfach auf den Rechenberg verfrachten und in einem zu errichtenden kleineren Planetariumsneubau gleich neben der Sternwarte weiter betreiben, eventuell auch in einem Anbau unmittelbar an die Sternwarte selbst. Die Baukosten hätten ca. 20000 Reichsmark betragen, wie die NS-Verwaltung bereits durchrechnete. Sternwarte und Rechenberg-Planetarium sollten dann der gleichgeschalteten Naturhistorischen Gesellschaft angegliedert werden, wohl auch, um Hartmann dadurch endgültig zu entmachten. Doch in einem internen Schreiben vom 4. Oktober 1933 empfahl der mittlerweile völlig eingeschüchterte Hartmann nun selbst die Verlegung des Planetariums auf den Rechenberg, offensichtlich um durch vorauseilenden Gehorsam seine Loyalität zu bekunden. Dieses Signal dürfte der Auslöser gewesen sein, warum sich die Nationalsozialisten nun einer perfiden, aber für sie nicht untypischen Methode bedienten, um politisch unsichere bzw. widerstrebende Verantwortungsträger, bei denen jedoch opportunistische Tendenzen erkannt worden waren, entweder endgültig auszuschalten oder sie geistig zu brechen, indem man sie gezielt in eigene Schuld verstrickte und damit an den Nationalsozialismus band. Am 23. November 1933 wurde Hartmann zum Oberbürgermeister befohlen. Dieser eröffnete ihm barsch und ultimativ, dass er, der Planetariumsleiter, binnen 24 Stunden einen zur Veröffentlichung in der Nürnberger Presse bestimmten Text zu verfassen und vorzulegen haben, in dem er sich selbst zum Fürsprecher der Schließung des Planetariums mache und dies auch politisch korrekt begründe. "Das war der Befehl zum Harakiri!", so Hartmann in seinen Erinnerungen. Während zu dieser Zeit andere Personen in vergleichbaren Situationen standhaft blieben, um Entlassung baten und ggf. noch schwerwiegendere Konsequenzen in Kauf nahmen, war Hartmann ein solcher Mensch nicht. Er verfasste den gewünschten Text und wurde ab diesem Zeitpunkt zu einem sich immer weiter verstrickenden Mitläufer des Systems. In einem nicht zur Veröffentlichung bestimmten Begleitschreiben führte Hartmann zu seiner Entlastung weiter aus, warum er sich früher für das Planetarium stark gemacht habe: Als er 1929 nach Nürnberg kam, habe er nichts von den politischen Streitigkeiten um das Planetarium gewusst. In letzter Zeit habe er sich dann nur noch deshalb für das Planetarium eingesetzt, weil er es "für seine Dienstpflicht als Beamter" gehalten habe. Diesen Irrtum habe er jetzt eingesehen, so "dass ich nunmehr selbst den Vorschlag zu unterbreiten für notwendig finde, das Planetarium sofort und ganz zu schließen und die vorhandenen Arbeitskräfte nutzbringenderer Tätigkeit zuzuführen". Diese Erkenntnis erfolge zwar schweren Herzens, aber aus Einsicht, dass er als ein Beamter in erster Linie dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen habe. Hartmann hatte damit hinreichende Unterwürfigkeit gegenüber dem nationalsozialistischen Regime demonstriert, um zumindest als Sternwartenleiter weiter im Amt bleiben zu können. Die Nationalsozialisten schlossen das Planetarium am 1. Dezember 1933 in einer Nacht- und Nebelaktion. Auf der nächsten Stadtratssitzung am 13. Dezember 1933 wurden die bereits vollendeten Tatsachen dann nur noch rückwirkend bekräftigt. Doch was sollte nach der Schließung des Planetariums nun mit dem Gebäude geschehen? Darüber hatten die Nationalsozialisten noch nicht nachgedacht. Die 1879 in den USA von Mary Baker Eddy gegründete religiöse Gruppierung "Christliche Wissenschaft" bot sich an, das Gebäude zu übernehmen und zu einer Kirche umzugestalten. NS-Oberbürgermeister Liebel schwebte dagegen eine weitere Nutzung als Bibliotheksgebäude vor. Da schaltete sich Gauleiter Julius Streicher mit der Vorstellung ein, das Planetariumsgebäude in ein "Heimatmuseum der nationalsozialistischen Revolution" umzuwandeln, weshalb an der Frontseite auch groß die "Hoheitszeichen der NSDAP" anzubringen seien. Obwohl sich Streicher aufgrund seiner Machtposition im Januar 1934 mit diesem Plan durchsetzen konnte, blieb ein solches Schicksal dem Planetarium schließlich erspart. Denn als Streicher am 5. Februar 1934 um 11 Uhr zur Ortsbesichtigung persönlich vor dem Planetarium vorfuhr, erblickte er wieder die ihn an eine jüdische Synagoge erinnernde Planetariumskuppel, wurde rasend und forderte schließlich lauthals die "Bausünden vergangener Zeiten tunlichst wieder auszumerzen", das Gebäude sofort abzureißen. Die Worte des Gauleiters waren Befehl. Bereits 48 Stunden später lagen schriftliche Kostenvoranschläge für den Abriss vor – der gleichen Firmen, die das Planetarium erst sieben Jahre vorher errichtet hatten. Eilig wurde die Einrichtung des Planetariums ausgeräumt: Stühle und Kleiderhaken kamen in die Stadtbibliothek, die astronomischen Bücher und Unterlagen in die Sternwarte, das Planetariumsgerät wurde zerlegt und in große Kisten verpackt. (Dort blieb es – während der Kriegszeit in den bombensicheren Felsengängen unter der Nürnberger Burg gelagert – bis zum Jahr 1960, um dann in einem neu errichteten Planetariumsbau wieder seine Dienste zu tun.) Auf der nächsten Sitzung des Stadtrats vom 21. Februar 1934 wurde der 25000 Reichsmark teuere Abriss gebilligt, da es der ausdrückliche Wunsch des Gauleiters sei. Am 19. März 1934 fuhr die Abrisskolonne vor, im Mai 1934 wuchs bereits Gras über die Stelle, wo das erste Nürnberger Planetarium nur sieben Jahre lang gestanden hatte. Die Diskussionen über eine eventuelle Errichtung eines kleineren Planetariums direkt neben der Sternwarte (damit der Planetariumsprojektor vertragsgemäß weiter betrieben werden konnte) rumorten 1934 noch halbherzig weiter und verliefen dann Anfang 1935 endgültig im Sande. Die Firma Zeiss machte wegen dieses eindeutigen Vertragsbruches keine Schwierigkeiten, vermutlich da sie sich nicht Gauleiter Streicher und dessen Hetzblatt "Der Stürmer" anzulegen wagte. Die Polithetze gegen das Planetarium war auch eine Katastrophe für die Sternwarte. Aus Angst vor politischer Verfolgung blieben auch hier plötzlich die Besucher aus. Wer als astronomisch Interessierter die Sternwarte besuchte, geriet ja leicht in den Verdacht, auch ein Unterstützer des damit verbundenen Planetariums zu sein. Die noch mehr gefährdeten Mitglieder des "Vereins der Freunde der Sternwarte" beeilten sich deshalb, ihre Mitgliedschaft zu kündigen; der Verein und die in den Vorjahren aufgebauten organisatorischen Strukturen lösten sich auf. Die massive Repression vertrieb auch alle früheren finanziellen Gönner. Als das Planetarium schließlich abgerissen war, wurde dessen Personal entlassen oder in andere Dienststellen gesteckt. Hartmann wurde als Mathematiklehrer mit halber Dienstzeit verpflichtet. Er blieb zwar weiterhin – nun ganz auf sich allein gestellter – Leiter der Sternwarte, konnte sich aber nur noch halbtags um das Observatorium kümmern. Ist die Sternwarte noch zu retten? Um aus der für die Einrichtung prekären Lage zu entkommen, kam Hartmann auf die Idee, die damals umfassenden Programme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit für die Sternwarte zu nutzen bzw. sich entsprechend anzubieten. So wurden seit Mitte 1934 zeitweise bis zu sechs arbeitslose Ingenieure im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen von ihm auf der Sternwarte betreut. Sie hatten astronomische Zeichnungen und Berechnungen anzufertigen. In dieser Zeit und mit deren Hilfe entstanden Hartmanns Untersuchungen zur mathematischen Funktion der "Pascalschen Schnecke", Grundlagen für einen 1938 von ihm in der Zeitschrift "Deutsche Mathematik" publizierten Aufsatz zum gleichen Thema. Erst Anfang 1935 entspannte sich die Lage für die Sternwarte wieder. Die NSDAP war sich nun sicher, dass Sie von dort politisch nichts mehr zu befürchten hatte. Hartmann hatte wiederholt seine Loyalität demonstriert, er biederte sich jetzt immer mehr an die ideologische Linie des Nationalsozialismus an. Im Februar 1935 wurde der schon seit der Eröffnung ehrenamtlich auf der Sternwarte tätige Hans Mühlert als vollzeitbeschäftigter Angestellter übernommen, nämlich als hauptamtlicher Sternwarten-Werkmeister, was er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1969 bleiben sollte. Nach der Machtübernahme der Nazis war Mühlert der NSDAP beigetreten, die sich nun sicher sein konnte, dass auf dem Rechenberg alles in ihrem Sinne lief, indem sie einen ihrer "Parteigenossen" dort platzierte. ==> Weiter zu 1, 2, 3, Teil 4, 5, 6 <== Seitenanfang Copyright © 2002 Edgar Wunder / astrologix - by TJK / Letztes Update am Dies ist der Cache von Google von http://www.astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann04.html. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Seite, wie diese am 13. Jan. 2015 14:24:04 GMT angezeigt wurde. Die aktuelle Seite sieht mittlerweile eventuell anders aus. Weitere Informationen Tipp: Um Ihren Suchbegriff schnell auf dieser Seite zu finden, drücken Sie Strg+F bzw. ?-F (Mac) und verwenden Sie die Suchleiste. Vollständige Version astrologix.de Sie sind hier ==> astrologix : Artikel : Geschichte : Wilhelm Hartmann - Teil 4 Über den Autor: Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen". Autor: Edgar Wunder Wilhelm Hartmann (1893-1965): Astrologe und Berufsastronom Teil 4 von 6 [=> 1, 2, 3, 4, 5, 6] Dubiose Untersuchungen zu "Ur-Germanen" Im Frühjahr 1935 kam unvermittelt der berufsmäßige Stadtrat Carl Huber, Nürnbergs Referatsleiter für Tiefbauwesen, auf die Sternwarte. Er hatte diese wichtige Funktion in der Nürnberger Stadtpolitik bereits seit 1919 und sich in der NS-Zeit dann politisch angepasst. Nun bat er Hartmann um die Erstellung eines Gutachtens zu sog. "Ortungslinien", die "Ur-Germanen" vor tausenden Jahren angeblich in Franken angelegt haben sollten. Der Vorgang sollte das Leben auf der Sternwarte verändern. Fast überall in Deutschland wurde damals nach solchen "Ortungslinien" gesucht. Die zugrunde liegenden Ideen gingen auf ariosophisch-völkische Kreise zurück, insbesondere auf den 1925 der NSDAP beigetretenen Hermann Wirth, der die Arier-Ideologie der Nationalsozialisten wissenschaftlich untermauern wollte. Nach Wirths Vorstellungn war die gesamte europäische Kultur von den vorgeschichtlichen alten Germanen ausgegangen, die als "Ur-Arier" auch den Griechen und Römern kulturell weit überlegen gewesen seien. Da für diese obskure Idee freilich jegliche archäologischen Zeugnisse fehlten, behauptete er, dass von ihm vermutete Heiligtümer und andere Anlagen der alten Germanen ein gigantisches, an den Sternen orientiertes Netzwerk bildeten. Dies zeuge von einem umfassenden astronomischen Wissen der alten Germanen und ihrer rassischen Überlegenheit gegenüber allen anderen Völkern. Wirths Fantasien wurden u.a. von einem gewissen Wilhelm Teudt aufgegriffen, der mit einem 1929 veröffentlichten Buch namens "Germanische Heiligtümer" großes Aufsehen erregte: Überall in Deutschland glaubte er mit dilettantischen Methoden alt-germanische Sternwarten nachweisen zu können. Sein Lieblingsbeispiel wurden die Externsterne im Teuteburger Wald. Teudt glaubte, dass die Religion der Ur-Germanen vor allem ein Sonnen-, Mond- und Gestirnskult gewesen sei. Hatte er erst einmal ein vermutetes "altgermanisches Heiligtum" als solches (vermeintlich) "identifiziert", suchte er am Horizont nach diversen auffälligen Geländepunkten (z.B. Bergkuppen), verband alles mit einem Liniennetz und beauftragte dann Astronomen mit Berechnungen, ob diese "Ortungslinien" irgend eine astronomische Orientierung aufwiesen. Da sich die Gestirnsstände aber aufgrund der astronomischen Präzessionsbewegung im Laufe der Jahrtausende verschieben, musste man nur genügend weit in die Vergangenheit zurück gehen, um irgend eine Übereinstimmung mit Sonnen-, Mond- oder Gestirnsaufgängen zu finden. Dies wurde dann als das tatsächliche Alter der angeblichen Germanen-Stätte proklamiert (das oft tief in der Steinzeit lag) und damit gleichzeitig das überragende astronomische Wissen der alten Germanen als bewiesen angesehen. In Wirklichkeit basiert ein solches Vorgehen natürlich auf einem Zirkelschluss. Ein seriöser Wissenschaftler hätte anders vorgehen müssen: Er hätte zuerst mit unabhängigen Methoden zu bestimmen, wann eine Anlage errichtet wurde und dann zu überprüfen, ob es basierend auf diesem Alter eine astronomische Ausrichtung gab. Teudts Buch löste eine wahre Flut ähnlicher "Entdeckungen" in ganz Deutschland aus, überall wollte man altgermanische Mond- und Sternortungslinien ausmachen. Dies kam den Nationalsozialisten sehr zugegen, da sie das vermeintlich allen anderen Kulturen überlegende große astronomische Wissen der Germanen als wissenschaftlichen Beleg für ihren Arier-Rassismus mit in ihre Propaganda einspannten. Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, zeigte ein besonderes Interesse für diese "germanische Astronomie". Auf seine Weisung hin wurde die bis 1935 bestehende "Hermann-Wirth-Gesellschaft" (ein Verband völkisch gesinnter Laienarchäologen und anderer Dilettanten rund um Wirth) in die Organisation "Ahnenerbe" umgewandelt, eine der SS angegliederte Institution zur Erforschung und Propagierung von "Raum, Geist, Tat und Erbe des nordrassischen Indogermanentums" im Dienste des nationalsozialistischen Weltanschauungskampfes. Innerhalb des "Ahnenerbes" wurde Teudt der Leiter der "Abteilung für Germanenkunde", die sich ganz der "Ortungslinienforschung" widmete. In diese Aktivitäten des "Ahnenerbes" der SS wurde nun auch Hartmann und die Nürnberger Sternwarte verstrickt. Nürnbergs Tiefbaureferent Huber hatte an Teudts Hirngespinsten einen Bären gefressen. Er wollte in Nordbayern bereits 28 derartige "Ortungslinien" nachgewiesen und damit eine hohe Kultur der edlen Ur-Germanen auch in Franken belegt haben. In eine Karte hatte Huber bereits verschiedene von ihm vermutete "Ortungslinien" eingetragen, und nun kam er auf die Sternwarte, um deren astronomische Orientierung prüfen zu lassen und Hartmann zur Mitarbeit zu gewinnen. Hartmann schrieb ein zwar vorsichtiges, aber positives Gutachten, dass er solche "Ortungslinien" auch in Franken für möglich halte. Das Gutachten wurde schließlich Gauleiter Julius Streicher vorgelegt, der gleich Feuer und Flamme war. Er befahl Hartmann zu sich und verfügte mit sofortiger Wirkung, dass sich die Sternwarte nun mit voller Kraft den Forschungen zu dieser Frage zu widmen habe, um eine hohe Kultur der alten Germanen auch in seinem Gau Franken nachzuweisen. Hatte die Sternwarte in den Jahren 1933/34 ständig damit zu kämpfen, Knüppel zwischen die Beine geworfen zu bekommen und nicht dem repressiven Druck zu erliegen, war nun wieder alles möglich. Hartmann wurde wieder vom Schuldienst befreit, die Stadt stellte größere Geldmittel für die Germanen-Forschungen bereit. Bis 1939 war die Sternwarte nun fast ausschließlich mit der Suche nach solchen "Ortungslinien" beschäftigt, sie war faktisch zu einer Art Forschungsinstitut im Dienste der NS-Ideologie geworden, in enger Kooperation mit Teudts Abteilung im "Ahnenerbe" der SS. Ihren Charakter als Volkssternwarte hatte sie verloren. Hartmann reiste vier Jahre lang in Franken umher, um angebliche germanische Thingplätze, Opferstätten, Ringwälle usw. zu identifizieren, Sagen und Überlieferungen zu dokumentieren, Kirchen, Hochkreuze, Burgen, Flurbezeichnungen etc., die auf eine germanische Vorgeschichte hindeuten könnten, zu prüfen, aus all dem ein gigantisches altgermanisches Liniennetz zu konstruieren und darauf aufbauend astronomische Berechnungen durchzuführen. Bis 1939 hatten sich auf diese Weise nicht weniger als 25 dicke Aktenordner mit Material auf der Sternwarte angesammelt. Huber und Hartmann glaubten schließlich, das kleine Dorf Emetzheim bei Weißenburg als Zentrum des Liniennetzes ausmachen zu können. Angeblich bestand dort ein im Jahr 793 von Karl dem Großen zerstörter heidnischer Kultplatz, von dem dann nur noch ein einzelner Stein mit einer Phallus-Darstellung des "Götzen Miplezeth" übrig geblieben war. Doch auch dieser Stein wurde schon 1771 im heiligen Glaubenseifer vom hiesigen Dorfpfarrer in einer Nacht- und Nebelaktion vollständig und ohne Überreste zerstört, nachdem die abergläubische Dorfbevölkerung magische Rituale um den unheimlichen Stein zu entwickeln begonnen hatte. Auch hier konnten sich Hartmann und Huber also im Wesentlichen nur auf Legenden und Spekulationen stützen. Da Hartmann während des zweiten Weltkrieges nicht in Nürnberg war, veröffentlichte Huber im Oktober 1943 im "Weißenburger Heimatblatt" eine vierteilige Artikelserie, in der er über die Untersuchungsergebnisse zu den "merkwürdigen Lagebeziehungen im Gelände um Emetzheim" berichtete. Es sollte die einzige, nur sehr ausschnitthafte Veröffentlichung zu den recht dubiosen Untersuchungen bleiben, die von 1935 bis 1939 auf der Nürnberger Sternwarte durchgeführt wurden. Was Hartmann selbst von dem ganzen Unternehmen wirklich hielt, bleibt etwas ambivalent und unklar. Einerseits erklärte er in seinen 1960 verfassten Erinnerungen, dass ihm angeblich schon sehr bald klar gewesen sei, "dass in der fraglichen vorgeschichtlichen Zeit gar keine Germanen in Franken waren und auch die Ortungslinien nicht eindeutig nachgewiesen werden" konnten. Andererseits ließ er damals Huber und die NS-Größen nicht nur in ihrem Glauben, sondern bestärkte diesen immer wieder, blies gar ins gleiche ideologische Horn. In einem handschriftlichen, unveröffentlichten Manuskript, das in den Jahren 1942/43 entstanden sein muss, schließt sich Hartmann ausdrücklich den nationalsozialistischen Vorstellungen einer "nordischen Herrenrasse" an, die von Nord/Mitteldeutschland aus den gesamten indogermanischen Raum bis nach Indien besiedelt haben soll. Der letzte Absatz dieses Manuskripts lautet: "In lückenloser Beweisführung haben damit die neueren Forschungen den mittel- und norddeutschen Raum als Urheimat der Indogermanen erwiesen, als rassisches und kulturelles Ausstrahlungszentrum für ganz Europa und bis nach Vorderasien hinein. Durch den Zwang, den ehernen Ring zu sprengen, den die Feinde Deutschlands nun um das Herz Europas zu schmieden gedachten, wurde eine erneute mächtige Ausstrahlung des nordischen Germanentums nach West und Ost, nach Nord und Süd ausgelöst, die noch im Gange ist." Spätestens hier wird klar, in welchem ideologischen Kontext und Interesse die "Germanen-Forschungen" der Sternwarte standen, und auf welch ungeheuerliche Weise sich Hartmann hier – auch öffentlich – für die Nazi-Propaganda einspannen ließ. Nach Kriegsbeginn 1939 wurden die "Germanen-Forschungen" der Sternwarte ausgesetzt, einerseits weil Hartmann und alle anderen Sternwarten-Mitarbeiter zum Kriegsdienst eingezogen waren, also für die Nazis andere Dinge vordringlicher waren, andererseits weil mittlerweile der erwähnte Herrmann Wirth, Begründer der "Ortungslinienforschung", innerhalb des "Ahnenerbes" der SS in persönliche Ungnade gefallen war. Regiomontanus wird für die NS-Ideologie vereinnahmt Am 6. Juni 1936 stand der 500. Geburtstag des mittelalterlichen Mathematikers und Astronomen Johannes Müller zur Feier an, der 1436 im kleinen fränkischen Ort Königsberg geboren war und sich deshalb auch "Regiomontanus" genannt hatte. Regiomontanus lebte von 1471 bis 1475 in Nürnberg und begründete hier eine lange Tradition bedeutender Nürnberger Gelehrter, die alle in seiner Nachfolge standen (z.B. Dürer, Martin Behaim, Osiander, Wurzelbauer u.a.m.). Anlässlich des 500. Jubiläums sollte nun ein feierlicher Festvortrag im großen Saal des Nürnberger Rathauses stattfinden, für den Prof. Ernst Zinner als Referent eingeladen wurde, der Leiter der Remeis-Sternwarte in Bamberg, der als sehr kenntnisreicher Astronomiehistoriker bekannt war. Doch Zinner ahnte, dass solche Feierlichkeiten unter dem Nationalsozialismus immer auch zu einem Politikum ausarteten, die Feier auch für propagandistische Zwecke missbraucht werden sollte. Der dem NS-Regime distanziert gegenüber stehende Zinner sagte ab, dafür wollte er sich nicht vereinnahmen lassen. So fiel die Referentenwahl der Nürnberger NS-Oberen auf Hartmann, der auch sofort zusagte. Hartmanns am 6.6.1936 im Nürnberger Rathaussaal gehaltener Festvortrag (abgedruckt in der Zeitschrift "Das Bayerland") verdeutlicht sehr gut die fragwürdige Rolle, die Hartmann zu spielen begonnen hatte. Der Vortragstext sei deshalb in den wesentlichen Passagen hier ausführlich wiedergegeben. Zur Einleitung führte Hartmann aus: "In einer Zeit, in welcher ein großes und tüchtiges Volk um die Wiederfreilegung der Quellen seines verschütteten Volkstums kämpft, gibt es kein besseres Mittel zur Sichtbarmachung dieses Volkstums als die Wiederbindung an die Vergangenheit. Die Größe, die Bedeutung und die Eigenart eines Volkes wird wieder erlebt und erkannt in der Erinnerung an seine großen Führer. Aber es gab eine Zeit, und diese Zeit liegt nur einige Jahre zurück, da predigten landfremde Menschen in Deutschland eine Abkehr von dieser Bindung an die Vergangenheit. Es gab kaum einen großen Deutschen, den man nicht durch niederziehende Betrachtung als belanglos hinzustellen versuchte. Es ist ein Zeichen der urwüchsigen Kraft des deutschen Volkes, dass diese Herabziehung deutscher Größe zu einer leidenschaftlichen Abwehr führte. Und diese Abwehr führt wieder hin zu all dem, was Deutschland groß und stark gemacht hat, führt wieder an die Quellen deutscher Art und deutscher Leistung zurück. Man erkennt wieder, dass die großen Männer der Vergangenheit zusammen mit unseren heutigen großen Führern eine einheitliche Führerschaft bilden, zu der wir vertrauend und in Ehrfurcht aufschauen ..." Es folgte ein ausführlicher Lebenslauf des Regiomontanus sowie eine Schilderung seiner historischen Bedeutung für Nürnberg. Dann wandte sich Hartmann der Frage zu, warum Regiomontanus heute in der Öffentlichkeit so wenig bekannt sei. Er nannte dafür drei Gründe: Erstens sei Regiomontanus schließlich durch die Leistungen seiner Schüler und Nachfolger überstrahlt worden, zweitens würden sich ganz allgemein nur wenige Menschen mit Astronomie befassen. Der von Hartmann angeführte dritte Grund ist wieder aufschlussreich und sollte Folgen für die weiteren Geschehnisse haben, weshalb wir Hartmann hier wieder selbst zu Wort kommen lassen: "In allen geschichtlichen Darstellungen der Verdienste des Regiomontanus, vor allem aus letzter Zeit, geht man auf diesen dritten Grund nicht ein. Aber gerade in der heutigen Zeit, wo Tausende von Volksgenossen in ihrem Kampf um eine neue Weltanschauung auf die Werke eines Regiomontan zurückgreifen, in einer solchen Zeit muss es geradezu unverantwortlich erscheinen, wenn nicht auch einmal diese Dinge beleuchtet werden. ... Regiomontan begründete seinen Ruf mit der Herausgabe seiner Ephemeriden ... Nun werden solche Gestirnsstände heute zu rein wissenschaftlichen Arbeiten auf den Sternwarten, bei großen Forschungsreisen und bei der Überseeschifffahrt für Zeit und Ortsbestimmungen verwendet. Aber das alles gab es noch gar nicht, als diese Ephemeriden erschienen! ... Regiomontan lebte in einer Zeit, in welcher die Menschen noch an die Einheit von Himmel und Erde glaubten, in welcher die Menschen sich noch eingefügt wähnten in den Gang der großen Welt da draußen mit Sonne, Mond und Sternen. ... Mit diesen Ephemeriden von Regiomontan setzte die ungeheuere Verbreitung der Astrologie in den nächsten anderthalb Jahrhunderten ein, und seine astrologischen Kalender wurden auf Jahrhunderte hinaus das Vorbild für gleiche und ähnliche Kalender." Dies sei späteren Wissenschaftlern jedoch peinlich gewesen, so Hartmann, weshalb sie die Geschichte verfälschten und die astrologischen Neigungen von Regiomontanus und anderen spätmittelalterlichen / frühneuzeitlichen Berühmtheiten wie z.B. Kepler leugneten bzw. unter den Tisch kehrten. Der alte Astrologe Hartmann kam nun – ganz aus eigener Initiative – ausführlich auf die Astrologie zu sprechen, ihre Historie, vor allem aber auf ihre heutige, angeblich große Bedeutung für den Nationalsozialismus, für die er zu werben begann: "Man gab nicht zu, dass diese Männer auch Astrologen waren, und erzählte der Nachwelt, dass diese großen Führer des Mittelalters durch ihre wirtschaftliche Not gezwungen worden seien, auch Horoskope zu stellen. Aber wir wissen heute, dass dies nicht der Fall war! All die großen Astronomen und Wissenschaftler jener Zeit, sie alle waren gläubige Astrologen. ... Es ist nun heute nicht mehr angebracht, wenn wir die Weltanschauung dieser vergangenen Jahrhunderte nach unserem Sinne umdeuten wollen, aus dem ganz einfachen Grunde, weil in unserem heutigen Kampf um eine neue Weltanschauung auch die Astrologie wieder eine Rolle zu spielen scheint und spielen wird. Und gerade weil wir bei dem Vergleich der damaligen mit der heutigen Zeit in vieler Hinsicht erstaunliche Parallelen entdecken, dürfen wir bei der Frage nach der Astrologie nicht mehr ausweichen. ... Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir von dieser Seite her zu einer Erweiterung unserer Weltanschauung kommen, die in dem heutigen Kampf gegen die rein materialistische Weltauffassung den Bedürfnissen der Zeit entspricht. Wenn wir also die großen Leistungen deutscher Führer aus den früheren Jahrhunderten bewundern, so dürfen wir dabei durchaus berücksichtigen, dass sie Astrologen waren ... Lassen wir also unseren Glauben an unsere großen Deutschen und unseren Regiomontan nicht trüben. ... Und in der Erinnerung an diesen großen Mann und die große Zeit, die Nürnberg und Deutschland seinerzeit erlebte, mischen sich die Fragen und Aufgaben, die heute von allen Seiten auf uns einstürmen. Die heutige Zeit drängt zur Verinnerlichung, mag es nach außen hin noch so sehr täuschen! Mag das Ausland in Deutschland nur noch marschierende Kolonnen und Soldaten sehen, der Deutsche, dem der Geist seiner deutschen Seele noch nicht ganz verloren gegangen ist, der weiß und fühlt, dass mit dem Nationalsozialismus nicht nur die Schaffung deutscher Heere und die Unterbringung von Arbeitslosen verbunden ist, sondern dass sich hinter all diesem auch die Neugeburt einer deutschen Seele verbirgt! Das Glaube an die deutsche Sendung ist in unserem Volke wieder wachgerufen, und im Gedenken an unsere Führer von früher und von heute holen wir uns immer wieder neue Kraft, wenn wir müde werden wollen im Kampfe um unser gemeinsames Ziel: Deutschland !" Ende des Vortrags. Er wirkte für Hartmann "wie eine Befreiung", so schrieb er noch 1960 in seinen Erinnerungen. Angesichts der peinlichen Anbiederung an die NS-Ideologie, ja deren öffentlicher Übernahme, verwundert es in der Tat nicht, dass jetzt die Sternwarte von Nürnbergs NS-Größen immer mehr hofiert und in das nationalsozialistische System eingebunden wurde. Da die bei der Eröffnung 1931 gewählte Bezeichnung "Volkssternwarte Nürnberg" den jetzigen Zustand nicht mehr zutreffend beschrieb, wurde nun auch ihr Name geändert. Anlässlich von Hartmanns Festvortrag wurde sie in "Regiomontanus-Sternwarte" umbenannt und kurz darauf auch eine entsprechende Gedenktafel am Eingang der Sternwarte angebracht. Der – an sich harmlose – neue Name stand für die bewusste Liquidierung des Volkssternwartencharakters, hin zu einer Art Forschungsstätte im Dienste der nationalsozialistischen Ideologie. Zwar fanden bis 1939 zuweilen auch noch öffentliche Führungen statt, dies war aber ganz nebensächlich geworden. Hartmanns Astrologie-Studien Mit seinem Abheben auf die Bedeutung der Astrologie für den nationalsozialistischen Weltanschauungskampf hatte Hartmann in seinem Festvortrag vor führenden NS-Funktionären Nürnbergs bewusst etwas vorbereitet, was schon lange sein Traum gewesen war: als Astronom und (nach 1929 nur noch mehr oder minder heimlicher) Astrologe sich auch beruflich und offiziell seinem eigentlichen Herzensthema widmen zu können: der Astrologie, dem Erarbeiten von wissenschaftlichen Beweisen für ihre Grundannahmen. Schon seit seinem Amtsantritt in Nürnberg hatte Hartmann sich beständig mit Horoskopen und entsprechenden Beweisversuchen beschäftigt. Nun schien der Zeitpunkt günstig, dies auch im offiziellen Auftrag und mit gesteigerter Intensität tun zu können. Er beantragte bei der Stadt Nürnberg, in seiner Eigenschaft als Leiter der Sternwarte die ordentliche Dienstaufgabe übertragen zu bekommen, wissenschaftliche Untersuchungen zu astrologischen Fragen durchzuführen, wobei er statt "Astrologie" immer von "Kosmobiologie" sprach. Seine Begründung war, dass er von der Öffentlichkeit ständig zur Astrologie befragt werde, so dass dringender Forschungsbedarf bestehe, um fundierte Antworten geben zu können. Dem Antrag wurde nach einigem Zögern Anfang 1939 entsprochen, als klar war, dass die "Ortungslinienforschung" gute Fortschritte machte und dadurch nicht behindert werden würde. Ein halbes Jahr lang, bis zum Kriegsbeginn, stürzte sich Hartmann nun mit ganzer Kraft auf seine Horoskop-Studien. In der Hauptuntersuchung beschaffte er sich 250 Krankengeschichten zu Patienten mit Lungenentzündung und berechnete deren Geburtshoroskope sowie die Stellung der Planeten im Verlauf der Erkrankung (sog. "Transite"). Die Arbeit war – vor dem Computerzeitalter – so umfangreich, dass er bis zum Kriegsbeginn nur 40 Fälle komplett bearbeiten konnte, für insgesamt 227 Fälle konnten jedoch immerhin die Ausgangsdaten festgehalten und Horoskop-Skizzen angefertigt werden. Hartmann behauptet in seinem 1950 erschienenen Buch, dass er in allen untersuchten Horoskopen Indizien für den Ausbruch der Lungenentzündung habe finden können, was er als schlagenden Beweis für die Astrologie wertete. Die kaum weiter konkretisierte Aussage ist nicht mehr überprüfbar, da er in seinem Buch nur fünf "Beispielhoroskope" anführte und der Großteil der Unterlagen 1945 vernichtet wurde. Das von ihm beschriebene Untersuchungsdesign weist jedoch bereits derart schwerwiegende methodische Mängel auf, dass Ergebnissen gleich welcher Art ohnehin keinerlei Aussagekraft mehr zugemessen werden könnte. Insbesondere arbeitete Hartmann ohne jede Kontrollgruppe, er interpretierte die Horoskope zudem stets nur post hoc. Auf die naheliegende Frage, ob man angesichts der großen Komplexität von Horoskopen die gesuchten "Indizien" nicht auch bei beliebigen anderen Menschen (ohne Lungenentzündung) oder bei falschen Horoskopen hätte finden können, wenn man nur ähnlich intensiv danach suchen würde, scheint Hartmann gar nicht erst in den Sinn gekommen zu sein. Sein methodisch naives Vorgehen entsprach und entspricht aber ziemlich genau der Arbeitsweise, wie sie auch heute noch unter Astrologen weit verbreitet ist. Die 1939 im offiziellen städtischen Auftrag von Hartmann durchgeführten Astrologie-Untersuchungen sind aus heutiger Sicht wegen ihres methodischen Dilettantismus wissenschaftlich wertlos, Hartmann hielt sie damals allerdings für hochbedeutsam. ==> Weiter zu 1, 2, 3, 4, Teil 5, 6 <== Seitenanfang Copyright © 2002 Edgar Wunder / astrologix - by TJK / Letztes Update am Dies ist der Cache von Google von http://www.astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann05.html. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Seite, wie diese am 8. Jan. 2015 12:04:03 GMT angezeigt wurde. Die aktuelle Seite sieht mittlerweile eventuell anders aus. Weitere Informationen Tipp: Um Ihren Suchbegriff schnell auf dieser Seite zu finden, drücken Sie Strg+F bzw. ?-F (Mac) und verwenden Sie die Suchleiste. Vollständige Version astrologix.de Sie sind hier ==> astrologix : Artikel : Geschichte : Wilhelm Hartmann - Teil 5 Über den Autor: Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen". Autor: Edgar Wunder Wilhelm Hartmann (1893-1965): Astrologe und Berufsastronom Teil 5 von 6 [=> 1, 2, 3, 4, 5, 6] Hartmanns geheime Tätigkeit im Oberkommando der Kriegsmarine Der Beginn des Krieges am 1. September 1939 war eine Zäsur. Hartmann und alle Mitarbeiter wurden zum Kriegsdienst eingezogen, die Sternwarte blieb während des gesamten zweiten Weltkrieges verwaist und geschlossen. Doch aufgrund seiner astrologische Neigungen durchlief Hartmann nun schon bald eine außergewöhnliche Karriere. Die Verwicklungen begannen mit dem Schottland-Flug des "Führer-Stellvertreters" Rudolf Hess, der am 10. Mai 1941 mit einer Messerschmidt 110 eigenmächtig zum Herzog von Hamilton flog, um mit ihm über einen Friedensschluss zwischen Großbritannien und Deutschland zu verhandeln. Der völlig überraschte Hitler tobte über diesen "Hochverrat". Ein Sündenbock musste gefunden werden für diesen peinlichen Zwischenfall. Der im NS-Staat immer einflussreicher werdende Martin Bormann kam auf den rettenden Gedanken, der dann in der NS-Propaganda zur offiziellen Version werden sollte: Hess habe zwar nur das Beste gewollt, er sei aber in die Hände zweifelhafter Berater gefallen, nämlich von Astrologen, die ihn zu dieser dreisten Aktion verführt hätten. (Die Astrologiegläubigkeit von Hess war allgemein bekannt, ob er sich bei seiner Entscheidung aber tatsächlich von Astrologen beraten ließ, ist sehr zweifelhaft.) Sofort lief eine Verhaftungswelle pauschal gegen alle Astrologen, Wahrsager, Parapsychologen etc. im ganzen Reich an, die sog. "Aktion Hess". Auch Hartmann wurde verhört, dann jedoch nicht weiter behelligt. Den meisten anderen Astrologen ging es wesentlich schlechter, sie wurden ins KZ gesteckt, teilweise auch umgebracht. Sein alter Hamburger Astrologen-Freund Wilhelm Wulff zum Beispiel wurde monatelang im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert. Doch dann bekamen wieder andere Kräfte im NS-Staat die Oberhand, die auch übersinnliche Kräfte für den Endsieg dienstbar machen wollten. Konkreter Anlass war die merkwürdige Tatsache, dass die Alliierten seit Ende 1941 immer größere Erfolge im Versenken deutscher U-Boote erzielen konnten. Was man im deutschen Oberkommando der Kriegsmarine (OKM) nicht ahnte: In England hatte man die deutsche Codier- und Dechiffriermaschine "Enigma" geknackt, konnte die Funksprüche von und zu den deutschen U-Booten nun entschlüsseln und diese somit leicht aufspüren. Dass die Alliierten die Funktionsweise von "Enigma" herausgefunden haben könnten, hielt man im OKM allerdings noch bis zum Kriegsende für absolut unmöglich. Über einen französischen Kanal setzte der englische Geheimdienst den Deutschen den Floh ins Ohr, dass man in England die Position der U-Boote "ausgependelt" habe – schließlich sei England in der Erforschung okkulter Phänomene den Deutschen traditionell ja weit voraus. Das OKM schluckte diese Desinformation und unternahm nun seinerseits große Anstrengungen im Auspendeln englischer und amerikanischer Schiffe. Eine noble Villa in der v.d.Heydt-Straße im südlichen Tiergarten in Berlin, nur einen Steinwurf vom deutschen Oberkommando im Bendlerblock entfernt und damit mitten im Zentrum der politischen und militärischen Macht, wurde zum Sitz einer streng geheimen Gruppe "SP", die direkt dem OKM unterstellt war und zum Auftrag hatte, entsprechende Pendelmethoden zu entwickeln und dann in Schnellkursen deutsche Matrosen im Auspendeln feindlicher Schiffe auszubilden. Militärischer Leiter des geheimen Instituts wurde ein gewisser Kapitän A. Roeder. Ihm zur Seite gestellt als führender wissenschaftlicher Kopf war niemand anders als der Nürnberger Sternwartenleiter Wilhelm Hartmann, der dazu von seiner ursprünglichen Luftwaffen-Dienststelle abkommandiert worden war. Über die Vorgänge in diesem hochgeheimen militärischen Pendel-Institut wissen wir insbesondere aus zwei unabhängig voneinander verfassten Autobiographien direkt Beteiligter gut Bescheid: dem 1960 erschienenen Buch "Zum anderen Ufer" von Gerda Walther (sie war die langjährige Sekretärin des Münchner Parapsychologen v. Schrenck-Notzing) sowie dem 1968 veröffentlichten Werk "Tierkreis und Hakenkreuz" des engen und schon mehrfach erwähnten Hartmann-Freundes Wilhelm Wulff. Fast alle Mitarbeiter des Instituts, so auch Walther und Wulff, waren im Rahmen der "Aktion Hess" festgenommen und eingekerkert worden und erst seit kurzem wieder auf freien Fuss. Überhaupt waren in dieser geheimen Gruppe "SP" (was vermutlich für "Siderisches Pendel" stand) fast alle bekannten damaligen Köpfe, die sich mit "okkulten" Fragen beschäftigten, mit von der Partie: so z.B. die Gräfin Wassilko-Serecki, Vorsitzende der späteren Österreichischen Astrologischen Gesellschaft, K. Schuppe und F. Quade von der "Deutschen Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus", sowie auch H.H. Kritzinger, der einzige deutsche Astronom des 20. Jahrhunderts, der zum Astrologen wurde. Sein Lebensweg kreuzte sich hier mit dem des einzigen deutschen Astrologen des 20. Jahrhunderts, der zum Astronomen wurde, Wilhelm Hartmann. Hier kamen die "Okkult-Forscher" der damaligen Zeit zusammen, auch wenn sie mit dem speziellen Thema Pendeln teilweise nur wenig zu tun hatten. Die Verbindung zwischen Astrologie und Pendeln hatte schon seit langem der Astrologe und Pendler Glahn hergestellt, dessen einflussreiche Bücher Hartmann gut vertraut waren. Wulff, der auf Wunsch Hartmanns zum Institutsmitarbeiter wurde, schildert die Atmosphäre in der merkwürdigen Einrichtung: "Die Untergebenen des Kapitäns bildeten eine wunderliche Gesellschaft: Da gab es spiritistische Medien und Psychitive ..., es gab Pendler..., Tattwa-Forscher (Anhänger einer Art indischer Schwingungslehre), Astrologen und Astronomen, Ballistiker und Mathematiker. Das Institut hatte von höchsten Kreisen der Kriegsmarine – OKM – den Auftrag, die Gleitzüge des Gegners auf hoher See durch Pendeln und andere übersinnliche Praktiken aufzuspüren, um eine sichere Torpedierung der Geleitzüge durch deutsche U-Boot-Flottillen zu ermöglichen. Tag für Tag hockten die Pendler mit ausgestrecktem Arm über den Seekarten." Auch Spielzeugschiffe mit verschiedenen Ladungen wurden zur Probe ausgependelt. Darüber hinaus gab es noch spezielle Abteilungen, z.B. die von Wilhelm Hartmann persönlich als Abteilungsleiter betreute "Tattwa-Abteilung", in der, so Walther, "durch das Pendel bestimmte günstige und ungünstige "kosmische Schwingungen" der Yogaphilosophie festgestellt werden sollten". Besonders befasst war Hartmann auch mit dem Rutengänger und Pendler Straniak aus Salzburg, dessen Pendelschwingungen er "auf Einflüsse und Abweichungen bei Sonnenauf- und -untergang, bei dem Mittagsstand der Sonne und den Vollmond- und Neumondzeiten" prüfte. Straniak erzielte unter Hartmann wochenlang weit überzufällige Ergebnisse. Dann wurde der Pendler an das "normalwissenschaftliche" Berliner "Institut für Strahlenphysik" überwiesen, wo er in weiteren Experimenten unter den Augen der skeptischen Physiker kläglich scheiterte. Hartmann hielt schon bald – wie er Gerda Walther in einem vertraulichen Gespräch unter vier Augen versicherte – "das Ganze für Unsinn". "Die scheinbar positiven Resultate erklärte er teils durch Autosuggestion, durch Selbsttäuschung, teils durch bewussten Betrug." Nur einer, ein "drolliger Wünschelrutengänger mit einem Dackel, der ausgesprochen schwäbischen Dialekt sprach, aber in Afrika als Wassersucher auch bei den Engländern einen Namen haben sollte", machte laut Hartmann eine Ausnahme, denn "dieser war offenbar wirklich hellsehend." Die insgesamt kümmerlichen und militärisch völlig unbrauchbaren Ergebnisse ließen Hartmann vermutlich ahnen, dass dies nicht lange so gut gehen könne. Denn die ausbleibenden militärischen Erfolge waren offensichtlich. Er gab Gerda Walther den guten Rat "möglichst schnell wieder von hier wegzukommen". Angeblich soll es sogar einen sehr kontroversen Briefwechsel zwischen dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg und dem Leiter der Reichskanzlei, Martin Bormann, über den Sinn dieses geheimen Pendel-Instituts gegeben haben. Als die "Erfolge" der Pendler immer katastrophaler wurden, breitete sich, so Wulff, eine "nervöse Reizbarkeit" im Institut aus. "Da schlug Dr. Wilhelm Hartmann dem Leiter des Instituts vor, mit seinen Mitarbeitern eine andere Umgebung aufzusuchen. Die Ausstrahlungen der Großstadt, erklärte er, und alle möglichen Störungen und Strömungen feinster Art, die hier in Berlin wirksam seien, machten die Bemühungen der Psychitiven zunichte. "Fahren Sie mit Ihrem Institut ins Gebirge oder an die See. Bei Seeluft oder Sonnenschein werden sich Ihre Leute wieder erholen und dann besser arbeiten." So fuhr der Leiter des Instituts tatsächlich zu Beginn des Sommers mit seinen Mitarbeitern auf die Insel Sylt." Dort pendelten Roeder, Hartmann und die anderen Institutsmitarbeiter noch bis Ende 1942 weiter, die Resultate fielen aber auf Sylt auch nicht besser aus. Immerhin war Hartmann auf diese Weise aus dem Berliner Regierungs- und Diplomatenviertel entkommen, auf das nun die alliierten Bombenangriffe massiv zunahmen. Wegen der ausbleibenden Erfolge wurde die geheime Gruppe "SP" Ende 1942 schließlich wieder aufgelöst, Hartmann kehrte zu seiner alten Luftwaffen-Dienststelle nach Rechlin zurück. Doch auch im späteren Kriegsverlauf gab es immer wieder einmal Zusammenkünfte und Einsätze der "Okkultforscher" aus der ehemaligen SP-Gruppe. Zum Beispiel schildert der NS-Spionagechef und SS-General Walter Schellenberg in seinen Memoiren eine Begebenheit aus dem August 1943, als Hitler befahl, den von den Alliierten gefangen genommenen Mussolini wieder zu befreien, dessen Inhaftierungsort zu diesem Zeitpunkt aber noch unbekannt war: "Noch aber hatten wir keine Anhaltspunkte, wo sich Mussolini überhaupt befand. In dieser Situation praktizierte Himmler wieder einmal eine seiner okkulten Marotten – und nun sogar mit einem gewissen Erfolg. Er ließ einige der nach dem Englandflug von Rudolf Hess verhafteten "Vertreter der okkulten Wissenschaften" zusammenrufen und setzte sie in einer Villa am Wannsee in Klausur. Es waren dies Hellseher, Astrologen und Pendler, die den Aufenthaltsort des verschwundenen Duce ans Licht zu zaubern hatten. Diese Seancen kosteten uns eine ziemliche Stange Geld, da der Bedarf an gutem Essen, Trinken und Rauchen der "Wissenschaftler" ganz enorm war. Aber siehe da – ein "Meister" des siderischen Pendels stellte nach einiger Zeit fest, Mussolini müsse sich auf einer Insel westlich von Neapel befinden. Und tatsächlich war der Duce auch zuerst auf eine der von ihm bezeichneten kleinen Ponza-Inseln gebracht worden." Dies waren also die Aktivitäten des Sternwartenleiters Hartmann während des zweiten Weltkriegs. Sein enger Freund Wulff stieg nach der Auflösung des SP-Pendelinstituts zum Leibastrologen von SS-Reichsführer Heinrich Himmler, auf Vermittlung von Geheimdienstchef Schellenberg, der Wulff zur gezielten Beeinflussung von Himmler einsetzte. Denn dieser traf in den letzten Kriegsmonaten kaum noch irgend eine Entscheidung, ohne vorher seinen Astrologen dazu befragt zu haben. Die Sternwarte wird geplündert und verwüstet Die geschlossene Nürnberger Sternwarte blieb in all dieser Zeit zunächst unversehrt. Wie eine Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1945 zeigt war zwar in nur ca. 150 Meter Entfernung südöstlich der Sternwarte eine Bombe eingeschlagen, das Gebäude blieb aber unbeschädigt. Aus Angst vor den Bombenangriffen waren die 25 Aktenordner mit den gesammelten Unterlagen zur Germanen-Ortungslinienforschung der Sternwarte zeitweise in die Privatwohnung von Tiefbaureferent Huber in Laufamholz ausgelagert worden. Als aber auch dort Bomben fielen, kehrten sie in den besonders gesicherten "Uhrenkeller" der Sternwarte zurück, wo auch die Akten zu den Astrologie-Studien lagerten. Mitte April 1945 wurde Nürnberg durch die US-Armee befreit. Kaum war dies geschehen, drang die deutsche Bevölkerung gewaltsam in die Sternwarte ein, die in der NS-Zeit zu einer Art Forschungsinstitut im Dienste der nationalsozialistischen Ideologie mutiert war, anstatt eine Volkssternwarte zu bleiben, mit der sich die Bevölkerung noch hätte identifizieren können. Die Sternwarte wurde geplündert und verwüstet, Fenster zerschlagen, Türen aufgebrochen, alle Wertgegenstände entwendet. Die umfangreichen Unterlagen zu den dubiosen Germanen- und Horoskop-Studien wurden zusammen mit den Büchern der Sternwartenbibliothek, die ebenfalls viel entsprechende Literatur enthielt, im Vortragssaal zu einem großen Haufen zusammengeworfen und angezündet. In das Feuer wurden schließlich auch noch alle sonstigen greifbaren Unterlagen und Einrichtungsgegenstände der Sternwarte geworfen, einschließlich der tragbaren kleineren Fernrohre. Der Spiegel des nicht transportierbaren Hauptfernrohrs wurde mit Eisenstangen zertrümmert. Die durch das Feuer erzeugte enorme Hitze brachte gar den metallischen Rahmen der Eingangstür zum Vortragssaal zum Schmelzen. Dessen Deformation ist heute noch zu sehen. Bis auf einige wenige Horoskope und Daten seiner Astrologie-Untersuchungen, die Hartmann bei einem Heimaturlaub im Januar 1945 im eisernen Wandsafe im Keller der Sternwarte eingeschlossen hatte, blieb nichts, aber auch gar nichts erhalten. Die Einrichtung der Sternwarte war vollständig zerstört. Noch wochenlang spielten kleine Kinder am Rechenberg mit kleinen Teleskop-Linsen, die sie aus der Trümmerwüste fischten. Dies war der Preis, den die Sternwarte für ihren in der NS-Zeit eingeschlagenen Kurs zu zahlen hatte. Keine andere Volkssternwarte in Deutschland wurde nach Kriegsende durch die eigene Bevölkerung geplündert und verwüstet, keine andere Volkssternwarte hatte sich in der NS-Zeit so sehr dem Regime angebiedert und dabei auch ihren Charakter als Volkssternwarte aufgegeben. Man tut somit gut daran, die Plünderung und Verwüstung auch als einen politischen Akt zu begreifen, nicht nur als bloßen Vandalismus, wie es Hartmann später unter Ausblendung der Vorgeschichte und der eigenen Verantwortung interpretieren sollte. Bedenkt man die zukunftsweisenden und geradezu seligen Zustände im Jahr 1932, so war der Nationalsozialismus für die Nürnberger Sternwarte eine einzige Katastrophe: Das die Sternwarte unterstützende Planetarium – in politischer Verblendung geschlossen und im ideologischen Wahn abgerissen. Der die Sternwarte pflegende und betreuende ehrenamtliche Verein – durch Repression zerschlagen und in alle Winde verweht. Politische und finanzielle Förderer der Sternwarte – verhaftet, ausgeschaltet, liquidiert. Die Popularität der Sternwarte – unterminiert, diskreditiert und zerstört durch das skrupellose Einspannen des Observatoriums vor den Karren der NS-Ideologie, dubiose Untersuchungen und das Aufgeben des Verständnisses als Volkssternwarte. Die technisch-instrumentelle Basis und sonstige Ausstattung – für immer verbrannt als symbolische Austreibung der Geister des Nationalsozialismus. Wilhelm Hartmann kehrte am 6. August 1945 nach Nürnberg zurück. Die Sternwarte blieb noch drei Jahre, bis 1947, unangetastet in ihrem verwüsteten Zustand, umgeben von einem noch größeren Trümmerhaufen namens Nürnberg. Hartmann bezieht die Sternwarte als Wohnung Seit April 1945 lag das verwüstete Sternwartengebäude verlassen auf dem Rechenberg, ohne dass sich irgend jemand darum kümmerte. Da alle Fensterscheiben zerschlagen und auch die demolierte Eingangstür nicht mehr verschließbar war, fegten Wind und Niederschläge ungehindert durch die Trümmerlandschaft der teils ausgebrandten Innenräume. Erst im Winter 1946/47 veranlasste die Stadt das vorläufige Einsetzen neuer Fenster und Türen. Doch es nützte nichts: Binnen weniger Tage waren die Fenster wieder eingeworfen und die provisorische Eingangstür erneut aufgebrochen. In diesem und dem vorhergehenden Winter hatten es sich Horden von Kindern angewöhnt, die Auffahrt zur Sternwarte als Rodelbahn zu benutzen, und das Trümmerfeld des frei zugänglichen Sternwartengebäudes war für sie ein willkommener Abendteuerspielplatz. Den wollten sich die Kinder nicht einfach nehmen lassen, so wurde vermutet. Da entschloss sich die Stadt in Abstimmung mit Wilhelm Hartmann (der zwischenzeitlich als Mathematiklehrer an einem Nürnberger Wirtschaftsgymnasium unterrichtete) zu einer weitergehenden Maßnahme, um das Treiben am Rechenberg wieder unter Kontrolle zu bekommen: Hartmann bezog zusammen mit seiner Frau die Sternwarte als Privatwohnung. Ihre Aufgabe war es, durch ständige Anwesenheit die Kinder vom Rechenberg zu vertreiben und die Innenräume der Sternwarte wieder zu säubern und bewohnbar zu machen. Um die Sternwarte als Wohnung einzurichten, wurde 1947 in den bis dahin großräumigen Vortragssaal eine Trennmauer eingezogen, so dass als Schlafzimmer der spätere Werkstatt- und heutige Vereinraum entstand – allerdings jahrelang noch ohne Verbindungstür zum Rest-Vortragssaal, der nun zum Wohnzimmer wurde. Auch die heute noch bestehende kleine Küche und der angrenzende Lagerraum wurden durch die Einziehung einer Mauer abgetrennt. Bis 1954 sollten Hartmann und seine Frau nun auf der Sternwarte leben. Der Garten der Sternwarte wurde von ihnen landwirtschaftlich genutzt, vor allem zur Hühnerhaltung: Das Federvieh war rund um die Sternwarte ständig zugegen. ==> Weiter zu 1, 2, 3, 4, 5, Teil 6, <== Seitenanfang Copyright © 2002 Edgar Wunder / astrologix - by TJK / Letztes Update am Dies ist der Cache von Google von http://www.astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann06.html. Es handelt sich dabei um ein Abbild der Seite, wie diese am 2. Jan. 2015 05:17:13 GMT angezeigt wurde. Die aktuelle Seite sieht mittlerweile eventuell anders aus. Weitere Informationen Tipp: Um Ihren Suchbegriff schnell auf dieser Seite zu finden, drücken Sie Strg+F bzw. ?-F (Mac) und verwenden Sie die Suchleiste. Vollständige Version astrologix.de Sie sind hier ==> astrologix : Artikel : Geschichte : Wilhelm Hartmann - Teil 6 Über den Autor: Edgar Wunder ist ehemaliger Redaktionsleiter der GWUP-Zeitschrift "Skeptiker", und einer der Gründungsinitiatoren von Forum Parawissenschaften e.V., einem "Forum für einen konstruktiven kontroversen Dialog und Diskurs zu Parawissenschaften, Anomalien und außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen". Autor: Edgar Wunder Wilhelm Hartmann (1893-1965): Astrologe und Berufsastronom Teil 6 von 6 [=> 1, 2, 3, 4, 5, 6] Neubeginn der astronomischen Volksbildungsarbeit Der langsame Wiederaufbau der astronomischen Volksbildungsarbeit nach dem Krieg ging nicht von der Sternwarte aus, und zunächst auch nicht von Wilhelm Hartmann. Es war vielmehr der frühere stellvertretende Sternwartenleiter Friedrich Bickel, der ab September 1947 an der Volkshochschule wieder regelmäßige Astronomiekurse anbot. Sie fanden in einem Schulgebäude in der Zeltnerstraße statt. Auch abendliche Sternbeobachtungen führte Bickel begleitend zu diesen Kursen mit den Teilnehmern durch, ebenfalls in der Zeltnerstraße und völlig unabhängig von Hartmanns Wohn-Sternwarte. Erst Ende 1948 wurden die Astronomiekurse der Volkshochschule dann von Hartmann als Referent übernommen, während sich Bickel schließlich auf Physik-Kurse konzentrierte. Sie fanden nach wie vor (und noch bis 1953) in der Zeltnerstraße statt. Im November 1948 unternahm Hartmann mit den Teilnehmern seines Astronomie-Kurses einen ersten abendlichen Besuch auf seiner Wohn-Sternwarte, um ihnen die Einrichtung zu zeigen. Es war die erste astronomische Führung nach dem Krieg – auf einer Sternwarte ohne Fernrohre, ohne Bibliothek und ohne Vortragssaal. Die kurze Besichtigung von Hartmanns Wohnung weckte immerhin bei allen den Wunsch, auf der Sternwarte doch wieder die Möglichkeit für astronomische Beobachtungen zu schaffen, und auch Hartmann wurde dadurch angespornt. Schon im nächsten Programmheft 1/1949 der Volkshochschule hieß es zur Erläuterung des neu beginnenden Astronomiekurses: "Es werden jeweils aktuelle astronomische Probleme besprochen, als Vorbereitung für das spätere praktische Arbeiten auf der Sternwarte." Dazu beschaffte sich Hartmann privat aus alten Wehrmachtsbeständen drei kleine Fernrohre für die Beobachtungsterrasse, die er später der Sternwarte übereignete und die noch heute in Betrieb sind. Doch die Besuche des regulär einmal wöchentlich in der Zeltnerstraße abgehaltenen VHS-Kurses blieben zwangsläufig sehr sporadisch. Hartmanns Wohn-Sternwarte erhielt bis Oktober 1952 pro Jahr nur etwa ein halbes Dutzend mal Besuch. Nürnbergs "Astrologie-Skandal" Doch um ein Haar wären die um 1950 vermittels der Volkshochschule wieder sehr zaghaft aufkeimenden astronomischen Aktivitäten gleich wieder zunichte gemacht worden. Dies hing damit zusammen, dass Hartmann, nachdem er sich erst einmal in der Sternwarte wohnlich eingerichtet hatte, die für ihn jetzt einkehrende relative Ruhe dazu nutzte, endlich dazu zu tun, was schon lange sein Wunsch war: Er schrieb ein Buch, in dem er seine astrologischen Theorien und langjährigen Horoskop-Studien zusammenfasste. Das 118-seitige Werk erschien 1950 unter dem Titel "Die Lösung des uralten Rätsels um Mensch und Stern". Das sollte nicht ohne Folgen bleiben. Der langjährige Stellvertreter Hartmanns als Sternwartenleiter, Friedrich Bickel, hatte schon in den 30er Jahren dessen astrologische Aktivitäten mit Argwohn beobachtet. Nach dem Krieg war der politisch unbelastete Bickel mittlerweile zum 2. Vorsitzenden der Naturhistorischen Gesellschaft sowie zum Vertreter der Dozentenschaft im Verwaltungsrat der Nürnberger Volkshochschule gewählt worden. Als Bickel nun sah, dass Hartmann sogar mit einem eigenen Astrologiebuch an die Öffentlichkeit trat, war für ihn das Maß endgültig voll. Im August 1950 stellte er im Verwaltungsrat der Volkshochschule den Antrag, Hartmann von jeder Vortragstätigkeit an der Volkshochschule auszuschließen, denn ein solcher Referent sei untragbar. Dem Antrag wurde bis auf weiteres entsprochen. Es handelte sich um einen Vorgang, der auch für die Zukunft der Sternwarte von höchster Brisanz war. Weil sich nämlich außer dem auf der Sternwarte wohnenden Hartmann niemand um die Einrichtung kümmerte, wäre es eine Katastrophe gewesen, wenn er nun auch noch dauerhaft aus der Volkshochschule hinausgeworfen worden wäre und das Observatorium damit immer weiter ins kulturelle Abseits gedriftet wäre. Schließlich waren die gelegentlichen Besuche der Teilnehmer von Hartmanns Volkshochschulkursen auf dessen Wohn-Sternwarte der einzige Motor und das einzige Argument, weshalb die Sternwarte damals wieder mit astronomischen Instrumenten bestückt und instand gesetzt werden sollte. Ohne eine enge Kooperation mit der Volkshochschule hätte es um die Zukunft der Sternwarte düster ausgesehen. Dass zudem auch der Oberbürgermeister von dem "Astrologie-Skandal" erfahren und Hartmanns Ausschluss zugestimmt hatte (er saß mit im Verwaltungsrat der Volkshochschule) machte alles nur noch schlimmer. Denn ohne Unterstützung der Stadt schien eine Wiedereinrichtung der Sternwarte nun auch längerfristig überhaupt nicht mehr zu leisten zu sein. Um die historische Situation zu verstehen, muss man bedenken, dass um 1950 herum die öffentliche Auseinandersetzung um die Astrologie ganz allgemein in Deutschland einen emotionalen Höhepunkt erreichte hatte. Zu keiner anderen Zeit im 20. Jahrhundert war sie derart heftig. Die Not der Menschen ausnutzend, zogen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zahllose Scharlatane durchs Land und versprachen Einblicke in eine lichtvollere Zukunft. Dies motiviere im September 1949 sogar die Astronomische Gesellschaft (der Berufsverband der deutschen Fachastronomen) zum ersten und einzigen Mal in ihrer Geschichte eine öffentliche Erklärung zur Astrologie abzugeben, in der es im Kern hieß: "Die Astronomische Gesellschaft als Vertretung der astronomischen Wissenschaft in Deutschland nimmt ihre Tagung in Bonn zum Anlass, die Öffentlichkeit vor dem immer mehr sich verbreitenden Unfug der Astrologie eindringlich zu warnen. ... Was heute als Astrologie, Kosmobiologie usw. auftritt, ist nichts anderes als eine Mischung aus Aberglaube, Scharlatanerie und Geschäft." Neben jener im zweifelhaften Stil einer päpstlichen Bannbulle verfassten Erklärung traten als Reaktion auf die Nachkriegs-"Astrologie-Welle" auch verschiedene Autoren auf dem Buchmarkt mit Kampfschriften gegen die Sterndeuterei in Erscheinung. In dieser emotional aufgeheizten Atmosphäre musste Hartmann nun reagieren, wollte er und die Sternwarte nicht in völlige Isolation geraten. Er ging zur Gegenoffensive über und verschickte an alle Dozenten der Volkshochschule eine aufwendig gedruckte, vierseitige persönliche Erklärung einschließlich einer vorgedruckten Rücksende-Postkarte, in der die Angeschriebenen ankreuzen konnten, ob sie Hartmanns Ausschluss zustimmten oder nicht. Er initiierte also eigenmächtig eine "Volksabstimmung" unter allen VHS-Dozenten, weil er sonst keine Möglichkeiten mehr sah – ein in der Geschichte der Nürnberger Volkshochschule einzigartiger Vorgang. Hartmann argumentierte, dass Bickel als Dozentenvertreter seine Kompetenzen überstrapaziert habe, indem er seinen Antrag auf Hartmanns Ausschluss nicht mit anderen Dozenten abgestimmt habe. Inhaltlich führte Hartmann in seiner Massen-Drucksache aus, dass Bickel "keine Ahnung oder praktische Erfahrung von der Astrologie" habe und er sein Buch offenbar auch nur sehr oberflächlich gelesen habe. Der von Hartmann dabei öffentlich erweckte Eindruck, Bickel würde ihn und seine wirkliche Position zur Astrologie kaum kennen, war sicher grob irreführend – immerhin war Bickel sein langjähriger Stellvertreter gewesen, er kannte Hartmanns astrologische Neigungen und Untersuchungen ganz genau und aus erster Hand. Nach dem Krieg waren Hartmann und Bickel sogar Lehrer am gleichen Gymnasium, sie sahen sich also fast täglich. Sein Buch, so Hartmann, nehme in Wirklichkeit "in eindeutiger Form Stellung gegen die Astrologie, also gegen jede Zukunftsdeutung". Er stelle nichts "als bewiesene Tatsache [hin] sondern [nur] als wissenschaftliches Problem zur Diskussion und fordere die Wissenschaft auf, sich endlich einmal mit diesem Problem zu beschäftigen", zumal in der Öffentlichkeit Aufklärungsbedarf bestünde. Außerdem habe er ja gar keinen Antrag gestellt, in der Nürnberger Volkshochschule auch über Astrologie zu referieren, seine Kurse behandelten nur rein astronomische Themen. Dazu muss freilich gesagt werden, dass Hartmann in seinem Buch mit großer Entschiedenheit gefordert hatte, das Thema Astrologie auch an Volkshochschulen zu behandeln, so dass Bickels Befürchtungen über entsprechende Absichten Hartmanns nahe lagen. Und tatsächlich hatte Hartmann sehr wohl zu diesem Zeitpunkt bereits Anstrengungen unternommen, im nächsten Trimester einen Astrologie-Kurs an der Volkshochschule anbieten zu können, auch wenn er noch keinen offiziellen Antrag gestellt hatte. Schließlich führte Hartmann eine lange Liste von wissenschaftlichen Autoritäten an, die sich auch für die Erforschung des "kosmobiologischen Problems" ausgesprochen hatten, sowie andere Volkshochschulen und wissenschaftliche Institutionen, wo dies auch geschehe. Hartmanns umfassende Liste dokumentiert eindrücklich, dass er sich in der entsprechenden Szene bestens auskannte und auf dem allerneuesten Stand war, was aktuelle Entwicklungen und Untersuchungen anging. Für die Sternwarte war es in dieser außerordentlich heiklen Situation im Herbst 1950 ein glücklicher Umstand, dass sich Hartmann in diesem Konflikt nach großen Anstrengungen schließlich durchsetzen konnte. Insbesondere gelang es ihm, den Volkshochschulleiter auf seine Seite zu ziehen, indem er ihn überzeugte, dass er doch eine seriöse Person sei. Hartmann wurde nach einem Trimester "Zwangspause" wieder als Dozent für astronomische Kurse an der Volkshochschule beschäftigt, die dann schon zwei Jahre später wieder auf der Sternwarte stattfinden sollten und die der wesentliche Impuls für deren Wiedereinrichtung waren. Hartmann gelang es auch, die von ihm gewünschten Astrologie-Kurse an der Volkshochschule halten zu dürfen. In allen Trimestern des Kalenderjahres 1951 bot er einen einmal wöchentlich stattfindenen Kurs an, in dem die Geschichte der Astrologie, gängige Argumente pro und contra, einschlägige Werke zeitgenössischer Astrologen sowie seine eigenen astrologischen Ideen vorgetragen wurden. Dann schliefen diese Kurse allerdings wieder ein, bis er 1959 – unmittelbar vor seiner Pensionierung – nochmals einen Kurs zu "Astronomischen Grenzgebieten" anbot, in dem Astrologie, UFOs, Außerirdische, solarterrestrische Beziehungen, Wetterfühligkeit u.a.m. behandelt wurden. Der heiße Konflikt des Jahres 1950 um die Astrologie war somit für Hartmann und die Sternwarte noch einmal glimpflich ausgegangen. Dennoch demonstrierte diese Erfahrung für Hartmann wieder einmal, welch "heißes Eisen" das Thema Astrologie in der Gesellschaft doch sein konnte. Zukünftig war er mit öffentlichen Äußerungen zur Astrologie auf der Sternwarte deutlich vorsichtiger und zurückhaltender – obwohl er sich nach wie vor intensiv mit diesem Gebiet beschäftigte. Auch aus der Astrologen-Szene, von der er seit seinen Hamburger Erfahrungen zunehmend weniger hielt, zog er sich zurück. Nur 1955 veröffentlichte er nochmals einen weiteren Aufsatz zur "Kosmobiologie" in der Zeitschrift "Natur und Kultur", einem etwas merkwürdigen Blatt für "christliche Esoterik", in dem übrigens auch Werner Sandner regelmäßig schrieb. Ausgehend vom Thema Wetterfühligkeit arbeitete er sich darin wieder zur "Kosmobiologie" vor und skizzierte dann ein auch heute noch geltendes, spannendes wissenschaftssoziologisches Problem: "Eine Beschäftigung mit diesen Fragen stellt ... sofort die Bonität eines Wissenschaftlers in Frage, führt zu einer vollständigen Diskriminierung und macht ihn nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich untragbar." Am Ende stehe "das Odium des Außenseiters". Hartmann schrieb dies ohne Zweifel aus eigener, leidvoller Erfahrung. Wiederaufbau und Betrieb als Schulsternwarte Angespornt durch die gelegentlichen Besuche der Volkshochschulkurse und die 1950 erfolgte Aufstellung der neuen kleinen Fernrohre auf Hartmanns Wohn-Sternwarte begannen nun Überlegungen, wie die Sternwarte langsam wieder für einen regulären astronomischen Betrieb eingerichtet werden könne. Nachdem sich Hartmann im "Astrologie-Streit" des Jahres 1950 durchgesetzt und sich die Gemüter 1951 wieder beruhigt hatten, waren die Bedingungen jetzt dafür günstig. Es kam die Idee auf, spezielle Führungen für Nürnbergs Schulklassen auf der Sternwarte anzubieten, um so über den Schul-Etat der Stadt eine schrittweise Wiedereinrichtung des Observatoriums zu ermöglichen. Dies stieß auf Zustimmung: im Januar 1952 beschloss der Stadtrat, die Sternwarte soweit wieder herzurichten, dass sie als Schulsternwarte tauglich war. Es begann nun eine drei Jahre dauernde Phase des Wiederaufbaus. Während des Jahres 1952 wurde dafür zunächst der Vortragssaal wieder eingerichtet, den Hartmann jetzt als Wohnzimmer räumen musste. Als der Vortragssaal fertiggestellt war, begannen im Dezember 1952 reguläre Führungen für Nürnbergs Schulklassen, nebenamtlich gehalten von Wilhelm Hartmann und dem zwischenzeitlich auch wieder aktiven Werkmeister der Sternwarte, Hans Mühlert. Ab Anfang 1953 fanden dann auch die astronomischen Volkshochschulkurse unmittelbar auf der Sternwarte statt und nicht mehr wie vorher in Zelterstraße.. Mit der Zeit wurde es jetzt freilich für Wilhelm Hartmann auf der Sternwarte zu eng, der bis dahin ja noch immer zusammen mit seiner Frau in dem Observatorium wohnte. Nach wie vor stand nur der Vortragssaal für den öffentlichen Betrieb der Sternwarte zur Verfügung, alle anderen Räume waren Hartmanns Privatbereich. Doch die Räumlichkeiten wurden nun für andere Zwecke gebraucht. Zum letztmöglichen Zeitpunkt zogen Hartmann und seine Frau im August 1954 schließlich aus. Die frei werdenden Räume wurden dann gleich als Sternwartenbüro, als Werkstatt und als Fotolabor eingerichtet. Auch die Arbeiten des hauptamtlich tätigen Hans Mühlert schritten zügig voran: 1954 goss er einen neuen 34,5-cm-Spiegel und behob die Schäden am Hauptteleskop, das 1955 wieder in Betrieb gehen konnte. So standen im Jahr 1955 bereits wieder 12 Fernrohre für Beobachtungen zur Verfügung (durch Eigenbau, private Stiftung oder Ankäufe, teils aus alten Wehrmachtsbeständen) – der Vorkriegsbestand war in etwa wieder erreicht. Auch diverse Unterrichtsmodelle, Globen, ein Schattenplanetarium und ein großes Protuberanzenfernrohr standen ab 1956 zur Verfügung. Wiedereröffnung und Betrieb als Volkssternwarte Führungen für die allgemeine Öffentlichkeit gab es bis dahin nicht, aber es entstand zunehmender Druck, solche wieder einzuführen, zumal in der Nürnberger Presse immer wieder über die Aktivitäten der Sternwarte und aktuelle Himmelsereignisse berichtet wurde. Daraufhin wurde 1956 das Observatorium wieder von einer Schulsternwarte in eine Volkssternwarte umgewandelt, jedoch mit einem starken Anteil von Sonderführungen speziell für Schüler. Um das somit noch weiter steigende Betriebsaufkommen besser zu gewährleisten, wurden 1956 weitere Baumaßnahmen in der Sternwarte vorgenommen. Hartmann gab sich dabi große Mühe, alles ideal und der damaligen Zeit gemäß ansprechend zu gestalten. Drei Jahre später konnte er bei seiner Pensionierung wieder eine blitzblanke und technisch bestens eingerichtete Sternwarte an seinen Nachfolger übergeben. Bis zur Neueröffnung als Volkssternwarte 1956 war dabei nur Werkmeister Hans Mühlert als hauptamtliche Kraft auf der Sternwarte tätig, der Wilhelm Hartmann als Sternwartenleiter war nach wie vor nur neben- und ehrenamtlich aktiv, was von seinem großem Engagement zeugt, zumal er die Hauptlast des immer weiter zunehmenden Besucherstroms trug, zusätzlich zu seiner Vollzeit-Tätigkeit als Lehrer. Er war bereits 63 Jahre alt, als er deshalb zum Beginn des Schuljahres 1956/57 zumindest von einem Viertel seiner Unterrichtszeit als Lehrer entbunden wurde, im Schuljahr 1957/58 dann zu 50 %. Im Alter von 65 Jahren wurde er schließlich ordnungsgemäß als Lehrer pensioniert, führte aber noch ein volles weiteres Jahr nebenamtlich seine Aufgaben als Sternwartenleiter weiter, bis am 1. September 1959 sein 29-jähriger Nachfolger Eckhard Pohl seinen Dienst antrat. Nach der Pensionierung Wilhelm Hartmann zog sich nach seiner Pensionierung im September 1959 fast völlig zurück, von ihm hörte man auf der Sternwarte so gut wie nichts mehr. Seine persönlichen Erinnerungen zur Geschichte der Nürnberger Sternwarte brachte er noch in einem längeren Aufsatz zu Papier, der dann 1961 anlässlich des 30. Jahrestages der Sternwarteneröffnung veröffentlicht wurde. Seinen früheren Kollegen von der Hamburger Astrologen-Schule, von denen er sich in den 20er Jahren getrennt hatte, stattete er 1961/62 nochmals einen Besuch in der Hansestadt ab, wovon in einer Veröffentlichung der Hamburger Astrologen die Rede ist. Hartmann starb am 20.11.1965 in Nürnberg im Alter von 72 Jahren. Wilhelm Hartmann als Sternwartenleiter Die "Ära Hartmann" der Nürnberger Sternwarte zeichnete sich im Kern dadurch aus, dass fast alle wesentlichen Entwicklungen auf der Sternwarte exogen determiniert waren, d.h. dass Hartmann fast ständig gezwungen war, auf Veränderungen der Umweltbedingungen der Sternwarte zu reagieren, insbesondere im politischen Bereich. Die Sternwarte wurde massiv von den Wogen der Weltgeschichte geschüttelt, und es galt, aus dieser für das Observatorium oftmals nachteiligen Situation zumindest das Beste zu machen bzw. das Schlimmste verhüten. Das hat Wilhelm Hartmann mit bemerkenswerter Kraft, Flexibilität und Kreativität versucht und dabei großes organisatorisches und innovatives Talent bewiesen. Auch sein sehr opportunistisches – und letztlich unheilvolles – Verhalten in der NS-Zeit folgt ganz diesem Muster. Er hat die Sternwarte zweimal vollständig neu eingerichtet und aufgebaut (1931/32 und in den 50er Jahren), auch noch im Lebensalter von über 60 Jahren, zeigte dabei großes Engagement, auch in seiner Freizeit, genauso Ideenreichtum und Eigeninitiative, ohne die in vielen Fällen meist gar nichts voran gekommen wäre, wobei er sich bietende Gelegenheiten immer wieder beim Schopf ergriff und versuchte, sie für die Sternwarte nützlich zu machen. Diese trotz Hartmanns Verfehlungen in der Zeit des Nationalsozialismus insgesamt positive Bewertung wird insbesondere in der Kontrastierung mit seinem Nachfolger Pohl deutlich, der in den darauf folgenden 30 Jahren das von Hartmann Hinterlassene im wesentlichen nur noch verwaltet hat, aber die Nürnberger Sternwarte aber nicht mehr kreativ gestaltete: nach Hartmann setzte hier eine über 30 Jahre dauernde Zeit bemerkenswerter Stabilität, aber auch bemerkenswerter Stagnation ein. Wilhelm Hartmanns Verhältnis zur Astrologie Aus der zeitlichen Distanz heraus muss ein gerechtes Urteil zu Hartmanns Umgang mit der Astrologie sehr differenziert ausfallen: Der landläufig praktizierten Astrologie und ihren Ansprüchen stand Hartmann durchaus ablehnend gegenüber, glaubte aber, für seine eigenen langjährigen astrologischen Evidenzerlebnisse naturwissenschaftlich-astronomische Erklärungen finden zu können. An psychologische Erklärungsmöglichkeiten dachte er überhaupt nicht – aber auch nicht die damaligen Kritiker der Astrologie. Er forderte nüchterne wissenschaftliche Untersuchungen zur unvoreingenommenen Prüfung der Astrologie, wandte sich gegen eine Ablehnung a priori und trat für wohlwollende Offenheit ein. Seine grundsätzliche Haltung entsprach ziemlich genau der seines Zeitgenossen Hans Bender: der Freiburger Parapsychologe hatte eine "positive Kritik des Aberglaubens" zu seiner Maxime erklärt. Hypothetisch ließ es Hartmann durchaus als Möglichkeit offen, dass sich seine astrologischen Überzeugungen in zukünftigen Tests als nichtig erweisen könnten. Gleichzeitig ließ er aber nicht den geringsten Zweifel aufkommen, dass er von einer zukünftigen Bewährung der Astrologie felsenfest überzeugt war. Hartmann war sehr belesen, er kannte die bis dahin durchgeführten Studien ausgesprochen gut – was man von den damals öffentlich auftretenden Astrologiekritikern keineswegs behaupten kann. Seine eigenen Astrologiestudien waren methodisch aber ziemlich naiv, erst recht vor dem Hintergrund unseres heutigen weit entwickelten Methodeninventars in den Human- und Sozialwissenschaften, mit dem astrologische Hypothesen heute überprüft werden. Es wäre Hartmann gegenüber aber unfair, würde man nicht gleichzeitig betonen, dass zu Hartmanns Zeiten das methodische Niveau in den Human- und Sozialwissenschaften noch sehr bescheiden war. Er konnte also auf keine guten Vorbilder für seine Astrologiestudien zurückgreifen. Die ersten methodisch mehr oder minder sauberen empirischen Tests der Astrologie wurden erst in den späten 50er und 60er Jahren von Psychologen durchgeführt. Anders als zu Hartmanns Zeiten liegen heute Hunderte sehr gründlicher empirischer Studien zur Astrologie vor, und ihre Ergebnisse lassen keinen Zweifel mehr: Hartmann lag damals falsch, die astrologischen Annahmen konnten übereinstimmend nicht bestätigt werden. Dies ändert aber gar nichts an der Tatsache, dass Hartmanns Haltung nicht nur eine wissenschaftlich völlig legitime, sondern sogar sehr wünschenswerte und zukunftsweisende war, verglichen mit den damals auftretenden dogmatischen Kreuzzüglern für oder gegen die Astrologie, wie sie auch heute noch nicht ganz ausgestorben sind. Wie sich Hartmann heute angesichts der seinen Erwartungen widersprechenden Studienergebnissen verhalten hätte, werden wir nie erfahren. Publikationsverzeichnis von Wilhelm Hartmann Hartmann, Wilhelm (1925): Die Hamburger Astrologenschule. Theosophisches Verlagshaus, Leipzig. Hartmann, Wilhelm (1926): Transneptunische Planeten. In: Astrologische Blätter 8, 293-298 (Teil 1), 341-344 (Teil 2), 384-387 (Teil 3), 417-418 (Teil 4). Hartmann, Wilhelm (1928): Beiträge zur Geschichte und Theorie der astronomischen Instrumente mit rotierendem Planspiegel und fester Reflexeinrichtung (Heliostat, Siderostat, Zölostat, Uranostat). Dissertation an der Universität Hamburg. Auch: Astronomische Abhandlungen der Sternwarte Bergedorf, Bd. 4/1928. Hartmann, Wilhelm (1936): Regiomontanus, sein Leben und sein Werk. In: Das Bayerland 47, 417-424. Hartmann, Wilhelm (1938): Gruppen von Winkeldreiteilungen und die numerische Größe ihrer Fehler. In: Deutsche Mathematik 3, 556-597. Hartmann, Wilhelm (1950a): Die Lösung des uralten Rätsels um Mensch und Stern. Karl Ulrich, Nürnberg. Hartmann, Wilhelm (1950b): An die Dozentenschaft der Volkshochschule Nürnberg. Privatdruck v. 6.10.1950, Nürnberg. Verfügbar im Nürnberger Stadtarchiv. Hartmann, Wilhelm (1955): Kosmische Wetterfaktoren und Biologie. In: Natur und Kultur 47, 91-96. Hartmann, Wilhelm (1956): Was ist Kosmobiologie? In: Kosmobiologie. Mitteilungsblatt des "Arbeitskreises für kosmobiologische Forschung" und der "Forschungsgemeinschaft für Kosmobiologie und Grenzegebiete" 23 (1), 1-2. Hartmann, Wilhelm (1961): 30 Jahre Sternwarte Nürnberg. Fränkische Verlagsanstalt, Nürnberg. ==> Zurück zu Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6 <== Seitenanfang Copyright © 2002 Edgar Wunder / astrologix - by TJK / Letztes Update am